Island: Architektur

Island verfügt über kein bauliches Erbe. Die Abgeschiedenheit der Insel, die vulkanische Geologie, das rauhe Klima und der Mangel an geeigneten Baumaterialien verhinderten die Entstehung langlebiger Bauwerke. Mörtel, Ziegel und Mauerwerk waren aus geologischen und klimatischen Bedingungen ebenso wenig vorhanden wie tragfähiges Holz. Es gab keine Wälder, nur kleine Birken und Treibholz. Somit gibt es keine Ruinenstätten, keine baulichen Zeugnisse aus der Zeit der Wikinger. Die dezentralisierte ländliche Gesellschaft Islands ohne beständige Dörfer oder Orte verhinderte die Errichtung dauerhafter Gebäude, für die keine Notwendigkeit bestand. Die ältesten erhaltenen Gebäude Islands stammen aus der Mitte des 18. Jahrhundert, als mit der Aufhebung des dänischen Handelsmonopols und der damit verbundenen Gründung von Reykjavík und fünf weiteren Handelsorten eine urbane Kultur in kleinem Ausmaß entsteht.

Gebäude aus Torf und Stein

Eiríksstaðir, innen
Eiríksstaðir, Juli 2011
Alltagsleben zur Wikingerzeit
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Die Besiedelung Islands begann um 870 durch Wikinger aus Norwegen. Sie errichteten Häuser aus Erde, Holz und unbehauenen Steinen - die Torfbauten. Dieser Gebäude­typ kann für die Jüngere Eisenzeit (160-400 n. Chr.) in Norwegen belegt werden. Vorherrschend waren soge­nann­te Langhäuser oder -hallen (skáli). Die Häuser hatten verschiedenen Größen, bestanden aber immer aus einem Raum, die Dächer wurden von zwei Pfostenreihen gestützt. Die Pfosten unterteilten den im Mittel etwa 30 m langen und 6 m breiten Raum in drei Bereiche mit einer offenen Feuerstelle in der Mitte. Hier arbeiteten die Familienmitglieder tagsüber und schliefen in der Nacht. Ein Beispiel für diesen Gebäudetyp ist die Rekronstruktion des Wikingerhofs Eiríksstaðir, der im Jahr 2000 anlässlich der 1000-Jahr-Feier zu Leifurs Reise in die Neue Welt errichtet wurde.
Mit Ende der Wikingerzeit im 10. Jahrhundert erhielt das Langhaus Anbauten an der Rückseite, meist 2-3 Räume in einem Block. Im 11. Jahrhundert wurden zusätzliche Räume in separaten Flügeln hinzugefügt, und am Ende des Langhauses entstand ein neuer Raum, die Wohnstube (stofa). Ein Beispiel dafür ist der Nachbau des Hofes Stöng (Þjoðveldisbær), der 1104 beim Ausbruch der Hekla zerstört worden war.
Wahrscheinlich im 14. Jahrhundert kamen ein separierter Kochraum (eldhús) und eine Dampfbadstube (baðstofa) hinzu. Der Eingang wurde zwischen Langhaus und Wohnstube verlegt.

Glaumbær
Glaumbær, Juli 2011
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Dies führte im 15. Jahrhundert zu einer neuen Hausform, dem Ganghaus, in dem alle Räume von einem langen zentralen Gang aus erschlossen wurden. Am Ende des Ganges gab es weitere 2-3 Räume, darunter die Dampfbadstube, die sich zum hauptsächlichen Aufenthaltsraum entwickelte und somit die frühere Rolle des Langhauses übernahm. Diese Hausform war im Norden Islands vorherrschend und entwickleten sich schließlich zum sogenannten Giebelhof (burstabær). Dabei wurden die vorderen Räume um 90° gedreht und mit Giebeln zur Hofseite hin ausgestattet. Ein Beispiel dafür ist der Museumshof Glaumbær.

In Südisland entwickelte der Dekan Guðlaugur Sveinsson eine andere Hausform mit drei giebelständigen aneinandergereihten Gebäuden mit eindrucksvollen hölzernen Giebeln, bekannt als „südlicher Stil”. Das Erdbeben von 1896 zerstörte die meisten dieser Häuser, die nachfolgenden wurde aus Holz gebaut.
Die Außenwände wurden aus Torf und Stein hergestellt, zur besseren Wärmedämmung wurde wurde eine zusätzliche Erdschicht angefügt. Die Wohnräume wurden innen mit Holz verschalt. Der vergängliche Natur des Materials machte es erforderlich, die Gebäude etwa alle 25-50 Jahre neu aufzubauen. Aufgrund der Bauform konnten die einzelnen Einheiten schrittweise erneuert werden, was angesichts der kurzen Sommer notwendig war. Diese einmalige Bautradition ist Islands bedeutendster Beitrag zur Weltarchitektur.

Frühe Steingebäude

Kirche von Þingeyrar, Juli 2011
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Skúli Magnússon (1711-1794), der erste isländische Landvogt, ließ 1752-55 auf der Insel Videy bei Reykjavík ein Wohnhaus aus Stein errichten. Videyjarstofa ist das älteste erhaltene Gebäude Islands und stellt den Versuch dar, die isländische Bevölkerung dazu anzuregen, langlebige Gebäude „aus dem Stein des eigenen Landes” zu bauen. Der Entwurf stammt vom dänischen Architekten des Spätbarocks, Nicolai Eigtved (1701-1754). Weitere Steingebäude aus dieser Zeit sind die Kathedrale von Hólar, die 1864-1877 auf Initiative des Parlamentariers, Bauern und Kirchenwarts Ásgeir Einarsson gebaute Steinkirche von Þingeyrar sowie Wohnsitze in Nes bei Seltjörn und Bessastaðir. Es waren vor allem Amtsgebäude und Wohnsitze hoher Beamter, die aus Stein gebaut wurden. Dann wurde der Steinbau wegen zu hoher Kosten bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingestellt und erst wieder mit dem Parlamentsgebäude in Reykjavík (1880-81) aufgenommen.

Holzarchitektur

Tjarnargata 22
Reykjavík, Juli 2011
Tjarnargata 22
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Im frühen 19. Jahrhundert wurden in Reykjavík, aber auch in anderen Kleinstädten entlang der Küste, Holzhäuser mit geteerten Wänden und Giebeldächer gebaut. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Architektur weiter entwickelt, ab 1870 wurden vor allem vorfabrizierte Holzhäuser aus Norwegen in Fertigbauweise errichtet. Dieser sogenannte Schweizer Stil prägte die Holzkonstruktionen bis ungefähr 1915. Ein Beispiel dafür ist das Wohnhaus von Otto Wathne (1894) in Seyðisfjörður.
Ab 1874 wurde die Verkleidung der Dächer und Außenwände mit Wellblech üblich. Damit mußte man nicht mehr auf das teure Material Holz zurückgreifen, Wände und Dächer waren wasserdicht und feuerbeständig und für die klimatischen Bedingungen Islands ideal. Ein Beispiel für die geschickte Verwendung dieses groben Industrieprodukts ist etwa das Haus Tjarnargata 22 in Reykjavík, ein wellblechverkleidetes Fachwerkhaus aus 1906.
Auch die frühen Kirchen Islands waren als Stabkirchen aus Holz gebaut. Besonders bemerkenswert war die 1155 unter dem Bischof Klængur Þórsteinsson errichtete Kathedrale in Skáholt, die als eine der größten Stabkirchen ihrer Zeit galt. 1309 brannte sie ab. Auch von den anderen Holzkirchen dieser Zeit ist keine erhalten geblieben.
Nach dem verheerenden Brand 1915 im Zentrum von Reykjavík wurde der Bau von Holzhäusern in den Städten verboten.

Betonarchitektur

Die Ankunft des ersten Fischdampfers 1905 war für Island ein umwälzendes Ereignis, vergleichbar mit der industriellen Revolution im England des 18. Jahrhunderts. Bis dahin hatte die Wirtschaft auf einfacher Landwirtschaft und Fischfang aus kleinen offenen Booten basiert. Die Einführung des Betonbaus um 1900 in der isländischen Architektur spiegelt den weitreichenden sozialen Wandel wider, der von der Industralisierung des Fischfangs ausgelöst wurde.
Nun endlich war eine ökonomische Methode gefunden, um langlebige und feuerbeständige Gebäude aus einheimischen Materialien zu bauen. Der benötigte Zement wird im großen Zementwerk in Akranes aus Muschelkalk hergestellt.
Das erste Betongebäude Islands entstand in Sveinatunga, Norðurárdalur. Das Wohnhaus wurde aus zementgebundenem Beton errichtet, der in eine Schalung gegossen wurde. 1908 entwarf das dänische Ingenieurbüro Christiani & Nielsen die Bogenbrücke über die Fnjóská in Nordisland, die mit 55 m Spannweite eine der längsten Brücken ihrer Zeit war.
Dennoch wurde Beton in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als „Ersatzmaterial” für Ziegel und Steinblöcke verwendet, die ersten Betongebäude unterschieden sich in der Gestaltung nur wenig von den herkömmlichen Stein- oder Holzhäusern. Erst die Architekten Rögnvaldur Ólafsson (1874-1917) und Guðjón Samúelsson (1887-1950, Bildergalerie), der 1920 zum Staatsarchitekten ernannt wurde, beschäftigten sich mit den Gestaltungsmöglichkeiten der Betonarchitektur und der Oberflächenbehandlung der Betonaußenflächen. Ein Beispiel für die neue Vorgehensweise ist etwa das zwischen 1933 und 1951 errichtete Nationaltheater (Þjóðleikhúsið) mit Bündeln aus Säulenbasalt als Formationen der Natur und dem Außenputz aus heimischem Gestein: grobe Körner aus weißem Quarz, Kalkstein und glasigem, schwarzen Osidian wurden vermischt und in die Putzschicht eingedrückt, zusammen mit etwas Zeolithkristall glitzerte die Fassade.

Nationaltheater
Reykjavík, Juli 2011
Nationaltheater
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Die neuen Möglichkeiten stellten die Architekten bald vor die Frage, welchen Stil und welche architektonische Identität die neuen Betonbauten haben sollten. Denn die Betonhäuser waren fremdartige Objekte in der offenen Landschaft, zu der ihnen die harmonische Beziehung fehlte. Der dänisch-amerikanische Architekt und Stadtplaner Alfred Jensen Raavad (1848-1933) plädierte für die Verwendung einheimischer Bauformen der Torfhäuser: dicke, solide Seitenwände und separate Giebeldächer. Guðjón Samúelsson griff diesen Stil der bäuderlichen Giebeldachhäuser bei seinen dörflichen Pfarrhäusern und Schulgebäuden auf. Mit den Säulenbasaltformationen übernahm er ein Motiv aus der isländischen Natur, das er etwa beim Nationaltheater, der Katholischen Kirche (Landakotskirkja) oder der Hallgrimskirche (Hallgrimskirkja), alle Reykjavík, verwendete.
Der isländische Architekt Sígurður Guðmundsson (1885-1958), der 1925 das erste private Architekturbüro in Reykjavík eröffnete, machte den Funktionalismus in Island bekannt und beeinflußte die erste Generation isländischer Architekten wie Gunnlaugur Haldórsson (1909-1986), Einar Sveinsson (1906-1973), Þórir Baldvinsson, Bárður Ísleifsson und Ágúst Pálsson.

Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg

Nun übten die aus dem Ausland zurückkehrenden Architekten einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der isländischen Architektur der 1950er und 60er Jahre aus. Die Arbeiten von Sigvaldi Thordarson (1911-1964), Skarphéðinn Jóhannsson (1914-1970), Hannes Kr. Davíðsson (1916-1995), Gunnar Hansson (1925-1989) und Gísli Halldórsson (1914-2012) zeichnen sich durch eine größere Freiheit des formalen Ausdrucks aus. Ihr Schwerpunkt liegt in der gestalterischen Klarheit und der offenen Architektur ineinanderfließender Räume. Die Außenwände werden weiß oder in leuchtenden Primärfarben angestrichen, natürliche Materialien werden in Verbindung mit weißen kubischen Formen, dunklem Holz und Steinverkleidungen eingesetzt. Die streng geometrischen Strukturen weisen Parallelen zur abstrakten isländischen Malerei der 1950er Jahre auf. Durch die Ausbildung der Architekten auch in anderen Ländern als Dänemark öffnet sich die Architektur in den 1970er Jahren neuen Einflüssen. Högna Sigurðardóttir (1929-2017) war die erste Architektin, die in Island baute. Ihre Wohnbauten der 1960er-Jahre verbinden lokale Traditionen mit der brutalistischen Moderne.
In den 1970er Jahren bildete sich bei den jungen Architekten Widerstand gegen die Pläne, den Stadtkern Reykjavíks abzureißen und tiefgreifend zu erneuern. Sie engagierten sich für den Erhalt der alten Holzhäuser und standen den Grundlagen und der Ästhetik der Moderne zunehmend kritisch gegenüber.

Perlan
Reykjavík, Juli 2011
Perlan, Blick von der Hallgrimskirche
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Am Ende des 20. Jahrhunderts knüpften einige Architekten wieder an die örtlichen Bedin­gungen und die Charakteristik des Ortes an. Die Bautradition des Torfhauses, die Verwen­dung von Wellblech und örtlich vorkommendem Bodenmaterial und die Betontechnik erhalten wieder mehr Aufmerksamkeit. So nimmt etwa Guðmundur Jónsson in seinem Entwurf für ein isländisches Reihenhaus auf der Bauausstellung in Malmö 1990 das Konzept des alten isländischen Langhauses wieder auf. Ingimundur Sveinssons Perlan und die Entwürfe von Studio Granda sind beispielhaft für die Architekturentwicklung, in der die isländische Tradition und die moderne Architektursprache zusammengeführt werden.

Ausblick

Die Finanzkrise von 2008 hatte auch gravierende Auswirkungen auf die Architekturbranche. So wurde die einzige Architektursammlung des Landes im Kunstmuseum Reykjavík Hafenhaus (Listasafn Reykjavíkur Hafnarhúsið) geschlossen und die einzige Architekturkuratorin gekündigt. Die bisher überwiegend privatwirtschaftlich finanzierte Bautätigkeit brach ein, als die Auftraggeber pleite gingen. Eine der Strategien, um in dem weitaus kleiner gewordenen Umfeld zu überleben, ist der Weg zu einer neuen isländischen Bescheidenheit mit kleinen Lösungen im Zusammenhang mit der natürlichen Ressource Islands, dem Thermalwasser. Einer der wenigen trotzdem fertiggestellten Großbauten ist die Konzerthalle Harpa.

Harpa
Reykjavík, Harpa, Juli 2011
Blick von der Hallgrimskirche
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Die internationale Jury unter dem Vorsitz von Wiel Arets prämierte für den Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur - Mies van der Rohe Award 1988 – 2013 aus 335 nominierten Projekten aus 37 europäischen Ländern das Konzerthaus und Konferenzzentrum Harpa in Reykjavik vom dänischen Architekturbüro Henning Larsen, dem isländischen Architekturbüro Batteríið und dem Künstler Olafur Elíasson.

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