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bei Bilderreisen

Joel Sternfeld, amerikanischer Fotograf

* 30. Juni 1944, New York/NY/USA

Er zählt neben William Eggleston und Stephen Shore zu den Fotografen, die Ende der 1970er Jahre die Farbe für die Kunstfotografie wiederentdeckten und damit den Begriff New Color Photography prägten. Seine Arbeiten konzipiert er meistens als abgeschlossene Werkgruppen, begleitet von intensiven Recherchen. Seit Beginn seiner fotografischen Arbeit ist das Buch für Joel Sternfeld die wichtigste Präsentationsform für seine Bilder.

joel sternfeld
Joel Sternfeld im Folkwang-Museum Essen, Juli 2011
Quelle: Wkipedia / Hpschaefer www.reserv-art.de

Joel Sternfeld studierte am Dartmouth College, New Hampshire und erhielt 1965 den BA. 1971-1981 unterrichtete er am Stockton State College, New Jersey; 1984-1985 an der Yale University, New Haven, Connecticut und seit 1985 am Sarah Lawrence College, Bronxville, New York.

Bedeutung

Neben William Eggleston und Stephen Shore zählt Sternfeld zu den Fotografen, die Ende der 1970er die Farbe für die Kunstfotografie wiederentdeckten und damit den Begriff New Color Photography prägten. Es war dies eine äußerst heterogene Gruppe von Fotografinnen und Fotografen, die ab den 1970er-Jahren Farbe als Stilmittel für künstlerische Fotografie einsetzten. Bis in die 1970er Jahre wurde Farbe nur im Bereich der populären Fotografie, wie etwa in Werbung und Mode, eingesetzt, die künstlerische Fotografie fand nur in schwarz-weiß statt. Ein Grund dafür mögen wohl technische Probleme gewesen sein, die Farben wirklichkeitsnahe wiederzugeben, wie etwa Henri Cartier-Bresson einmal anmerkte.
Viel früher und lange Zeit eher unbeachtet widmete sich Saul Leiter (1923-2013) der künstlerischen Farbfotografie. Von der Modefotografie kommend, verwendete er ab 1947 den Kodakchrome-Farbdiafilm, der bereits 1936 auf den Markt gekommen war. Der standardisierte, komplizierte Entwicklungsprozess brachte eine bessere und stabilere Farbgenauigkeit und -zuverlässigkeit als der Farbfilm.
Während seiner Karriere erhielt Sternfeld zahlreiche bedeutende Preise und Stipendien, darunter den Citygroup Photography Prize (2004), das Guggenheim Memorial Foundation Fellowship (1978 und 1982) und den Prix de Rome (1990/91). Seine Arbeiten wurden in vielen Museen und Galerien ausgestellt, darunter das Museum of Modern Art und die Galerie Luhring Augustine in New York, das Folkwang Museum (Essen), Fotomuseum Winterthur, The Metropolitan Museum of Art (New York), The Victoria and Albert Museum (London), The Whitney Museum of American Art (New York) und Albertina (Wien).

Werk

Sternfeld konzipiert seine Arbeiten meistens als abgeschlossene Werkgruppen, die von intensiven Recherchen begleitet sind. Seit Beginn seiner fotografischen Arbeit erachtet Joel Sternfeld das Buch als wichtigste Präsentationsform für seine Bilder, denn erst durch die Publikation erreichen seine Projekte über die Ausstellungen hinaus eine breite Öffentlichkeit. In den letzten 20 Jahren entstanden elf Fotobände zu seinen Fotoserien. Die einzelnen Fotografien haben dabei häufig einen deskriptiven Titel, der das Dargestellte, den Ort und das Datum bezeichnet.

First Pictures

Die Idee der Farbe, beeinflußt von der Farbtheorie des Bauhauses und Josef Albers (1888-1976), durchzieht die in den 1970er Jahren entstandenen Serien Nags Head, Happy Anniversary Sweetie Face!, Rush Hour seines Frühwerks. Es sind Aufnahmen in der Tradition der Street Photography, in der auf humorvolle Art und Weise unterschiedliche Szenen amerikanischer Alltagskultur in einer scheinbar spontanen und beiläufigen Bildsprache festgehalten werden.
Rush Hour ist auch der helle Gegenentwurf zu der dunklen Zeit im Amerika der 1970er Jahre: die Nachwirkungen des Vietnamkrieges, die wirtschaftliche Depression, der Rücktritt Nixons. Die mit Blitzlicht aufgenommenen Fotografien zeichnen ein positves Bild.
Die frühen, kleinformatigen und mit einer Kleinbildkamera aufgenommenen Bilder der Serie Nags Headwaren schon fast vergessen und wurden erst jetzt ausgestellt.

American Prospects (1978-1986)

Während einer mehrjährigen Reise mit einem VW-Bus durch die USA widmet sich Sternfeld einer Untersuchung der Beziehung des Menschen zu der von ihm geformten und geprägten amerikanischen Landschaft. Die Bilder dokumentieren die amerikanische Erfahrung und verdeutlichen die problematische Benutzung und Veränderung der Landschaft durch den Menschen. Sie ermöglichen aber darüber hinaus auch Rückschlüsse auf US-amerikanische politische Zustände und soziale Verhältnisse der Zeit. Die 2-3 dominierenden Farben, aber auch das Format und der statische Bildaufbau sind in Sternfelds Verwendung einer Großformatkamera begründet. Mit großer Sorgfalt wählt Sternfeld nun seine Motive aus, deren Komposition von vornherein präzise durchdacht werden muss. Denn sein Budget erlaubt nur höchstens zwei Aufnahmen pro Tag. Die Flexibilität und Spontanität der bisher verwendeten Kleinbildkamera gehen verloren.
Die Landschaftsbilder stehen in der Tradition eines Robert Frank oder Walker Evans, allerdings als Gegenentwurf zu deren dunklem Amerika. Demokratie und Freiheit sind die Kernaussage dieser Reise mit den Jahreszeiten.

Stranger Passing (1987-2001)

Das menschliche Porträt in einer neuen Form steht nun im Mittelpunkt der künstlerischen Auseinandersetzung: Bilder aus dem Leben der Menschen und ihren Lebensumständen. Die Menschen werden sowohl über ihre äußerliche Erscheinung, wie Kleidung und Posen, als auch durch den räumlichen Kontext, in dem sie in Szene gesetzt werden, charakterisiert. Die Bilder zeigen nicht nur unterschiedlichste soziale Gruppen und Milieus, sondern erzählen auch von divergierenden Lebensstilen. Die durchgängig zurückhaltende und distanzierte Sichtweise, mit der Sternfeld einen sichtbaren Abstand zu seinen Motiven hält, nimmt keine Wertung vor. Sternfeld erinnert damit an August Sander und sein berühmtes Fotoprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts” aus den 1920er-Jahren

On This Site (1993-1996)

In dieser Serie fotografiert Joel Sternfeld Schauplätze von Verbrechen, die sich hinter scheinbar alltäglichen Orten verstecken. Mit der fotografischen Darstellung einzelner Schicksalsorte holt er verdrängte, verborgene oder auch bewusst verdeckte Geschehnisse ins kollektive Gedächtnis zurück und demontiert damit patriotische Selbstdarstellungen der USA.
Er entwickelt hier einen neuen konzeptuellen Zugang zur Dokumentarfotografie. Nicht das Bild allein stellt sich der Interpretation, sondern es wird ergänzt durch den Text, durch den das Dargestellte erst überhaupt verständlich wird. Bild und Text geben damit unterschiedliche Inhalte wieder, die vom Betrachter bzw. der Betrachterin zusammengeführt werden müssen. Das Bild alleine könnte beliebig sein.
Sternfeld vertritt hier einen sehr breiten Gewaltbegriff etwa in Sinne struktureller Gewalt. So zeigt er etwa der leeren Sessel, auf dem Lee Harvey Oswald, der Mörder von John F. Kennedy, gesessen ist, oder den Balkon, auf dem Martin Luther King erschossen wurde, und verdeutlicht damit die Hintergründe der Gewalt.
Die brasilianische Fotografin Anna Kahn (*1968) nimmt mit ihrem Projekt Bala perdida (Portraits of absence, 2007) in ähnlicher Weise das Thema der Gewalt in Rio de Janeiro auf. Auch hier sind es leere Tatorte, die die Opfer repräsentieren: „Isabel, 11 years old. On the Linha Amarela, crossing a footbridge | Isabel, 11 Jahre. Beim Überqueren einer Fußgängerbrücke an der Linha Amarela”.

Campagna Romana

In den frühen 1990er Jahren realisierte er das Projekt in den Außenbezirken Roms. Die Arbeiten nehmen häufig Bezug auf die Ruinen von Aquädukten, Villen und Grabmälern des antiken Rom. Teilweise sind es die gleichen Sujets, die schon Claude Lorrain und Nicolas Poussin im 17. Jahrhundert, Giovanni Battista Piranesi hundert Jahre später und Thomas Cole im 19. Jahrhundert gefesselt haben.
Joel Sternfeld stellt die Überreste einer mächtigen, vergangenen Zivilisation den Bauwerken und Trümmern unserer heutigen Zeit gegenüber. Er zeigt auch, wie die Ruinen der römischen Monumentalbauten heute als feste Bestandteile einer über hunderte von Jahren gewachsenen Kulturlandschaft einverleibt sind. Während die Gemälde und Stiche der alten Meister mythische Ansichten der Campagna abbilden, beschäftigt sich Sternfeld mit dem tatsächlichen Leben zwischen diesen Zeugnissen einer vergangenen Epoche. Augenscheinliche Kontraste und plumpe Ironie vermeidend, enthüllt uns Joel Sternfeld die Widersprüche einer zersiedelten Landschaft und ihrer bleibenden Schönheit.

Walking the High Line (2000-2002)

Bei der High Line handelt es sich um eine stillgelegte Bahnstrecke für Güterverkehr im New Yorker Stadtteil Manhattan. In der Tradition der Industrielandschaften von Bernd und Hilla Becher und der American Social Landscape von Walker Evans dokumentierte Sternfeld die Rückeroberung des Stadtraums durch die Natur. Dabei fungieren die nur noch ansatzweise sichtbaren Schienen als Spuren des ehemals regen Zugverkehrs. Der allen Werken Sternfelds eigene sozialpolitische Anspruch hatte im Fall von „Walking the High Line” konkrete Auswirkungen: Nicht zuletzt wegen Sternfelds erfolgreicher Fotos wurde die stillgelegte High Line 2009 in einen öffentlichen Raum umgewandelt, 2011 kamen bereits 3 Mio. Besucher.

Treading on Kings (2001)

Für dieses Projekt fotografierte Joel Sternfeld die Proteste während des G8-Gipfels in Genua 2001. Im Verlauf des Treffens der acht größten Industrienationen der Welt, das von schweren Zusammenstößen mit der Polizei begleitet war, wurden zahlreiche Demonstrierende verwundet und einer der Aktivisten, Carlo Giuliani, erschossen. Sternfeld porträtiert in diesem Projekt sowohl die Orte der Auseinandersetzung als auch die Protestierenden selbst. Begleitende Texte zitieren verschiedene Teilnehmer der Demonstrationen und erläutern den Grund ihres Engagements.

When it Changed (2005)

Dieses Projekt weist Sternfeld unmissverständlich als Dokumentaristen mit großem politischem Engagement und gesellschaftskritischem Bewusstsein aus. Es zeigt 53 Porträts von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einer Konferenz der Vereinten Nationen in Montreal zum Thema Klimaveränderung. Die oftmals ernsthaften und pessimistischen Gesichter werden von den Prognosen und Aussagen der Wissenschaftler der vergangenen zwanzig Jahre zum Klimawandel begleitet.

Oxbow Archive (2005-2007)

In dieser Serie hält Sternfeld ein Gebiet bei Northampton im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts in den wechselnden Jahreszeiten fest. Die Darstellung der Landschaft ist essenzieller Bestandteil der amerikanischen Identität und ihres kulturellen Selbstverständnisses. Die Wildnis bzw. die unberührte Natur wird nicht selten - wie etwa bei Ansel Adams oder Edward Weston - in überwältigenden und überhöhten Ansichten präsentiert. Der amerikanische Künstler Thomas Cole hat eben diese Region 1836 in einem berühmten Gemälde als heroische Landschaft gemalt, das von einem erhöhten Blickpunkt eine dramatische Wetterstimmung zeigt. Sternfeld hingegen dokumentiert von einem niedrigen Standpunkt aus die Einzigartigkeit der Jahreszeiten, aber auch die deutlich sichtbaren Auswirkungen menschlichen Eingreifens in die Natur.

Sweet Earth (2006)

Mit dieser Serie führt Joel Sternfeld seine fotografischen Untersuchungen der sozialen Landschaft Amerikas fort. Geprägt von der Stimmung der 1990er Jahre, der Zeit knapp nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten, zeigen die Fotos Modelle alternativer Gemeinschaften. Von politischen über ökologische bis hin zu religiösen Überlegungen reichen die Gründe für das jeweilige Sozialexperiment, über das ein dem Bild beigefügter Text Auskunft gibt. Die Visualisierung historischer und zeitgenössischer Utopien will einen Überblick über die historische Entwicklung von Gemeinschaften des 19. Jahrhunderts über die Gegenkultur der 1960er-Jahre bis zu neuen Formen des Zusammenlebens in der Gegenwart geben. Mit der Darstellung heterogener Lebensentwürfe beleuchtet Sternfeld nicht nur die verschiedenen Wertvorstellungen der heutigen amerikanischen Gesellschaft, sondern hinterfragt auch die Voraussetzungen und Entwicklungen gesellschaftlicher Normen und Konventionen.

„Eine Freundin drückte mir einen Fotoapparat in die Hand. Damals hasste ich Fotografie, ich dachte, alle Fotografen wären Idioten: Etwas Schönes in der Welt passiert, und die fummeln mit ihren Apparaten herum. Nun bin ich selber einer dieser Idioten.” (Joel Sternfeld, in: Der Standard)

Weitere Informationen

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LeseTipps: Bücher von und über Joel Sternfeld

Buchtipps

This is the first book of Sternfeld's largely unseen early colour photographs. In 1969 Sternfeld began working with a 35 mm camera and Kodachrome film, and First Pictures contains works from this time until 1980. Here Sternfeld develops traits that appear in his mature work: irony, a politicised view of America, concern for the social condition. But there are also pictures that bear little relation to his later work: colour arrangements that parallel those of Eggleston, as well as street photography which Sternfeld ceased making in 1976. The photographs in First Pictures were made at a time when colour photography was struggling to assert itself against the authoritative black and white tradition, making this book a revelation both in Sternfeld's oeuvre and in the history of contemporary photography. A major figure in the photography world, Joel Sternfeld was born in New York City in 1944. He has received numerous awards including two Guggenheim fellowships, a Prix de Rome and the Citibank Photography Award. Sternfeld's books published by Steidl include American Prospects (2003), Sweet Earth (2006) and Oxbow Archive (2008). Exhibitions: Museum Folkwang, Essen, 16 July to 23 October 2011; Foam Amsterdam, 15 December 2011 to 14 March 2012; C/O Berlin, spring 2012; Albertina Museum, Vienna, 5 August to 26 October 2012. [Verlagstext]

Buchtipp: keine Bewertung und Rezension

Originally published in 1987, Joel Sternfeld's now-classic view of America is here remastered, redesigned and reprinted at a larger, brighter, truer scale. Finally, photography and offset printing techniques have caught up with Sternfeld's eye, and this new edition of American Prospects succeeds in presenting Sternfeld's most seminal work as it has always meant to be shown. A specially-commissioned essay by Kerry Brougher, Chief Curator at the Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, considers the historical context in which Sternfeld was working and the pivotal role that American Prospects has played in the course of contemporary filmmaking and art photography. In American Prospects, a fireman shops for a pumpkin while a house burns in the background; a group of motorcyclists stop at the side of the road to take in a stunning, placid view of Bear Lake, Utah; the high-tech world headquarters of the Manville Corporation sits in picturesque Colorado, obscured by a defiant boulder; a lone basketball net stands in the desert near Lake Powell in Arizona; and a cookie-cutter suburban housing settlement rests squarely amongst rolling hills in Pendleton, Oregon. Sternfeld's photographic tour of America is a search for the truth of a country not just as it exists in a particular era but as it is in its ever-evolving essence. It is a sad poem, but also a funny and generous one, recognizing endurance, poignant beauty, and determination within its sometimes tense, often ironic juxtapositions of man and nature, technology and ruin. [Verlagstext]

Buchtipp: keine Bewertung und Rezension

The Claudian Aqueduct was built during the Empire's glory days just southeast of Rome, now an area best known for its proximity to Cinecitta, Italy's Hollywood. The book's essays and photography honor the vestiges of that ancient conduit and the surrounding countryside. Presented along with historical background about the land and the artists who have used it as their muse are 88 of Sternfeld's full-color photographs (including seven foldouts), which have been exhibited at Boston's Museum of Fine Arts. Much of the photography is of ruins, which look like alien monuments sitting uncomfortably amidst the Mediterrean terrain beside recognizable objects of modern industry and waste now scarring the region. The result is a strong and poignant mixture of dilapidation of both the old and new Roman cultures. [Verlagstext]

Buchtipp: keine Bewertung und Rezension

Alle Porträts:

Cuba: Tamara Bunke, Julio Antonio Mella,
Fotografen: René Burri, Harry Callahan, Henri Cartier-Bresson, Anna Kahn, André Kertész, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, Anja Niedringhaus, Joel Sternfeld, Weegee,
Hamburg: Albert Ballin, Gabriel Riesser,
Island: Snorri Sturluson, Victor Urbancic,
Korsika: Napoleon I. Bonaparte, Joseph Fesch,
Mecklenburg-Vorpommern: Otto Lilienthal,
Norwegen: Johan Halvorsen, Anne Holt, Richard With,
Reisende: James Cook, Rudolf Carl Slatin Pascha,
Sizilien: Friedrich II.,
Toskana: Sandro Botticelli,
USA: John Steinbeck,

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