Porträt André Kertész, ungarischer Fotograf

* 2. Juli 1894, Budapest/Ungarn, † 28. September 1985, New York City/USA

Er gehört zu den Grenzgängern der modernen Fotografie. Mit der ihm eigenen Originalität bewegt er sich zwischen Surrealismus, Neuer Sachlichkeit und intuitiver Momentaufnahme. Als Mitbegründer des Fotojournalismus führt er Stilmittel in die Fotografie ein, die man noch heute im Schaffen zeit­genössischer Fotografen vorfindet. Er opfert fotografische Details, um das Wesen eines Augenblicks einzufangen.

André Kertész
André Kertész, Arles, 1975 (Ausschnitt)
Foto Wolfgang H. Wögerer, Wien

Kertész Andor wurde als mittlerer von drei Söhnen einer jüdischen Mittelklasse-Familie geboren. Nach dem Besuch der Handelsakademie arbeitete er ab 1912 an der Börse. Zu dieser Zeit erwarb er auch seine erste Kamera, eine ICA mit Platten von 4,5x6 cm, mit der seine erste Schaffensperiode, die Ungarische Periode, beginnt. Im Werdegang des Fotografen spielte sein jüngerer Bruder Jenö eine entscheidende Rolle; viele von Kertész´ frühen fotografischen Experimenten sind mit seiner Hilfe entstanden.

Ungarn, 1912-1925

In Budapest begann er als Autodidakt zu fotografieren: Menschen, die er gut kannte oder zufällig traf, Orte, die er häufig besuchte. Im Ersten Weltkrieg diente er von 1914-1918 in der österreichisch-ungarischen Armee und wurde 1915 von einer Kugel so verwundet, daß er zeitweise um die Beweglichkeit seines rechten Arms fürchtete. Damit konnte er nicht mehr an Kampfeinsätzen teilnehmen und wurde nach Esztergom versetzt.

André Kertész, Umherziehender Geigenspieler
André Kertész, Umherziehender Geigenspieler, Abony, Ungarn 1921
Foto © The Estate of André Kertész
Scan courtesy of Masters of Photography

Aber der Krieg konnte ihn nicht am Fotografieren hindern, diesmal mit einer Goerz Tenax. 1917 veröffentlichte er erste Bilder in der Zeitschrift Érdekes Újság, darunter das berühmte Bild „Unterwasserschwimmer, Esztergom 1917”. Viele Bilder aus dieser Zeit gingen bei der Ungarischen Revolution 1919 verloren.
Mit Kriegsende kehrte Kertész an die Börse zurück, fotografierte jedoch weiterhin als Amateur. Nicht die Dramatik und Eleganz Budapests, das als das „Paris Mitteleuropas” galt, interessierte ihn, sondern die schlichten, typisch ungarischen Momente, für die er eine tiefe Zuneigung hegte.

 

Paris, 1925-1936

André Kertész, Montmartre
André Kertész, Montmartre, Paris 1927
Foto © The Estate of André Kertész
Scan courtesy of Masters of Photography

Da Kertész in Budapest die Atmosphäre einer Künstlergemeinde fehlte und er keine Inspiration mehr fand, ging er im September 1925 nach Paris. Für ihn war die Zeit gekommen, eine unsichere berufliche Laufbahn aufzugeben und ein engagierter Künstler zu werden. In Spaziergängen durch die frühherbstliche Metropole näherte er sich allmählich fotografisch der Stadt. Im Café du Dôme traf er auf andere ungarische Künstler, Maler und Bildhauer. Nach kaum einem Jahr bewegte sich Kertész bereits im Zentrum der künstlerischen Avantgarde am Montparnasse, fotografierte in den Ateliers von Piet Mondrian und Ossip Zadkine, war bei Fernand Léger, André Lhote, Alexander Calder und Marc Chagall zu Gast, hatte nicht unerheblichen Einfluß auf die Arbeit von Brassaï und Henri Cartier-Bresson, traf auf Robert Capa und Man Ray.
Obwohl in der Weltstadt der Kunst ein Fotograf etwa auf der gleichen Stufe stand wie ein umherziehender Wahrsager, erregten seine Arbeiten Aufmerksamkeit und führten 1927 zu seiner ersten Ausstellung in der kleinen, innovatiben Surrealistengalerie Au Sacre du Printemps am linken Seineufer. Kertész erhielt die Einladung, beim ersten Salon des indépendants de photographie auszustellen. Seine bevorzugten Motive waren Straßenszenen und Künstlerporträts.
Von 1926 bis 1935 arbeitete er als unabhängiger Fotograf für Illustrierte und Magazine wie Vogue, L'Image, VU, Arts et Médécine, Berliner Illustrirte Zeitung, Die Dame, Uhu, The Sphere, The Sketch, Bifur oder Minotaure. 1928 kaufte sich Kertész eine Leica und begann seine besonders wichtige Zusammenarbeit mit dem Herausgeber von VU, Lucien Vogel. Vogel inspirierte Kertész zu Foto-Essays, in denen er verschiedene Themen visualisierte und somit zu einem Begründer des Fotojournalismus wurde. 1929 nahm er an der legendären Ausstellung Film und Foto in Stuttgart teil.
Das erste Buch mit seinen Fotografien, Enfants (Kinder, 1933), widmete er seiner Mutter und seiner langjährigen Freundin und finanziellen Unterstützerin, Erzsebet Salomon, die sich später Elizabeth Saly nannte. Im selben Jahr heiratete er Elizabeth und lebte mit ihr bis zu ihrem Tod 1977.

art_et_medecine_1933
A l'ombre de l'église de Piana, la flânerie endimanchée d'après la messe, toute pareille à celle où se complaisent les hommes dans nos bourgades, tandis que les femmes soignent le repas dominical (Bildunterschrift).
Foto André Kertész, Art Et Médecine, Dezember 1933

Im Herbst 1933 reiste Kertész im Auftrag von Art Et Médecine nach Korsika, um Aufnahmen zu dem Artikel „La Corse” von Abel Bonnard zu machen. Die insgesamt zwölf in der Zeitschrift abgedruckten Bilder zeigen Alltagsszenen und Landschaftsaufnahmen.
1934 erschien sein Buch Paris vu par André Kertész (Paris aus der Sicht von André Kertész). Er war nun am Höhepunkt seiner Laufbahn angelangt, auch jenseits des Antlantiks war man auf ihn aufmerksam geworden. 1932 hatte er eine Ausstellung in der Julien Levy Gallery in New York, wo seine Bilder mit 20 US-$ ausgepreist waren - für die Depressionsjahre ein hoher Preis. 1936 erhielt er ein Angebot von den Keystone Studios, das er gegen den Rat seiner Freunde annahm, weil mit dem heraufziehenden Faschismus in Deutschland die Presseaufträge seltener wurden. Schweren Herzens verließ er Paris um, wie er glaubte, für kurze Zeit in New York zu arbeiten.

New York, 1936-1962

Im September 1936 verließen Kertész und Elizabeth Europa an Bord der SS Washington in Richtung Manhatten, wo sie am 15. Oktober ankamen und das Hotel Beaux Arts in Greenwich Village bezogen. Kertész fand das Leben in Amerika viel schwieriger als erwartet. Als er nach acht Monaten die Zusammenarbeit mit Keystone beendete, verhinderten zunächst finanzielle Probleme und dann der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs seine Rückkehr nach Paris. Kertész konnte sich in New York kaum durchsetzen, ihm fehlte das künstlerische Umfeld. Er arbeitete weiter wie bisher, obwohl die Straßenfotografie in Amerika inzwischen eine andere geworden war. Von Anfang an lag seine europäische Sichtweise im Widerstreit mit den amerikanischen Redakteuren, die seine Arbeiten mehrmals ablehnten. Ein Life-Redakteur erklärte ihm unverblümt: „Sie erzählen zu viel in ihren Bildern.” Seine Arbeiten bedurften keiner Worte, da sie zutiefst symbolisch waren. Life hingegen wollte, fast wie eine Tageszeitung, die Welt im Kopf ihrer Leser klar und prägnant auf den Punkt bringen. Kertész arbeitete nie für Life, aber seine Situation als Fotograf wurde schwierig. Als Fotokünstler blieb er in New York isoliert, und im Gegensatz zu seiner europäischen Schaffenszeit fand er nichts, was ihn wirklich inspirierte. Zwar war er 1937 mit fünf Bilder bei der ersten großen Fotoausstellung im Museum of Modern Art, Photography 1848-1937, vertreten, aber es sollte bis 1946 seine letzte bleiben. Er passte nicht in die Gemeinschaft der amerikanischen Kunstfotografen, die eine höchst intellektuelle eigene amerikanische Ästhetik entwickelten.
Edward Weston, der beispielhaft für die amerikanische Fotogewegung stand, erhielt 1937 das erste Guggenberg-Stipendium für Fotografie. Seine Herangehensweise an die Fotografie war direkt. Er benütze eine Großformatkasmera mit kleinster Blende und langen Belichtungszeiten. Dadurch erzielte er Aufnahmen von ungewöhnlicher Tiefe und brillianter Detailschärfe - Dinge, die Kertész nie besonders interessierten. Seine 35-mm-Leica ermöglichte ihm Momentaufnahmen in ständiger Bewegung.

André Kertész
Washington Square, New York,
9. Januar 1954
Silbergelatine-Abzug, Vintage, 12,7 x 9,2 cm
Foto © Sammlung Leslie, Judith und Gabrielle Schreyer

Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg 1941 wurde Kertész aufgrund seiner ungarischen Nationalität zum „feindlichen Ausländer” und mit Publikationsverbot belegt. Weil Elisabeth gerade eine Kosmetikfirma gegründet hatte, verschwand er für drei Jahre aus der fotografischen Welt, um ihr Probleme zu ersparen. 1944 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Seine Situation verbesserte sich erst 1945 mit dem Erscheinen seines Buches Day of Paris. Nach einer Idee des Art Directors von Harper's Bazar, Alexey Brodovitch, enthielt es Aufnahmen aus der Zeit kurz vor seiner Emigration aus Frankreich. Es brachte ihm Aufmerksamkeit und einen Exklusivvertrag mit Condé Nast Publicastions, in deren Zeitschrift Home & Garden über 3000 Aufnahmen von ihm publiziert wurden. Zwar schränkte ihn diese Arbeit künstlerisch ein, doch ermöglichte es ihm auch Reisen nach England, Budapest und Paris. 1961 kündigte er wegen seines schlechten Gesund­heitszustands - eine Folge seiner Kriegs­verletzungen von 1915 - die von ihm als „Sklavenarbeit” bezeichnete Stelle bei der Zeitschrift.

Rückkehr und Neuanfang, 1963-1985

Ab 1963 widmete er sich nur noch eigenen Projekten. Weil ihn die Fotozeitschrift Camera um ein Portfolio gebeten hatte, durchforstete er sein Archiv und nahm mit einer eigenen Werkschau an der 4. Mostra Biennale Internazionale della Fotografia (14.09. - 20.10.1963) in Venedig teil. Im selben Jahr wurden seine Arbeiten in der Pariser Nationalbibliothek ausgestellt, was ihm erlaubte, sich wieder in seiner innig geliebten Stadt aufzuhalten. Zu dieser Zeit tauchten auch seine verloren geglaubten Negative aus der Zeit in Ungarn und Frankreich wieder auf. 1964 organisierte John Szarkowski eine große Einzelausstellung, „André Kertész: Photographer”, im Museum of Modern Art, der eine Vielzahl weiterer Ausstellungen folgen sollte. All diese Ereignisse, die mit einer allgemeinen Aufwertung des Mediums Fotografie und seiner Geschichte einhergingen, verliehen dem inzwischen siebzigjährigen Kertész neue Lebensenergie.
Wiederentdeckt und endlich anerkannt wurde er 1965 Ehrenmitglied der American Society of Media Photographers. 1974 erhielt er das John Simon Guggenheim Memorial Fellowship-Stipendium, das ihm die Restauration seiner Glasnegative ermöglichte. 1982 erhielt er den Grand prix national de la photographie in Paris, 1984 wurde er zum Chevalier de la Légion d'honneur ernannt und überschrieb seinen Nachlaß von rund 100.000 Negativen als Stiftung dem französischen Staat.
Am 28. September 1985 stirbt André Kertész in seiner New Yorker Wohnung. Er wird verbrannt, seine Asche wird mit der Elisabeths beigesetzt.

„Auch wenn Kertész' Welt ständig im Fließen begriffen war, ist der Mittelpunkt seiner Welt - seine Beziehung zu seinen Sujets und seiner Kunst - konstant geblieben. Nie ist er von dieser Ebene der Wahrheitstreue abgewichen, um etwa seinen Zeitgenossen zu gefallen oder Anerkennung zu erheischen. Und so enthüllen seine Fotografien eine Welt, die trotz ihrer Alltäglichkeit für den aufmerksamen Betrachter voller Überraschungen steckt.” Carole Kismaric

LeseTipps: Bücher von und über André Kertész

Alle Porträts:

Cuba: Tamara Bunke, Julio Antonio Mella,
Fotografen: René Burri, Harry Callahan, Henri Cartier-Bresson, Anna Kahn, André Kertész, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, Anja Niedringhaus, Joel Sternfeld, Weegee,
Hamburg: Albert Ballin, Gabriel Riesser,
Island: Snorri Sturluson, Victor Urbancic,
Korsika: Napoleon I. Bonaparte, Joseph Fesch,
Mecklenburg-Vorpommern: Otto Lilienthal,
Norwegen: Johan Halvorsen, Anne Holt, Richard With,
Reisende: James Cook, Rudolf Carl Slatin Pascha,
Sizilien: Friedrich II.,
Toskana: Sandro Botticelli,
USA: John Steinbeck,

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