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Henri Cartier-Bresson, französischer Fotograf: Biografie

* 22. August 1908, Chanteloup/Seine-et-Marne/ Frankreich;
† 3. August 2004, Provence/Frankreich

Er ist einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts und der Meister des „entscheidenden Augenblicks” - zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und dann „Verstand, Auge und Herz auf eine Linie zu bringen”.

Maler oder Fotograf

Cover
Henri Cartier-Bresson in Havanna, fotografiert von René Burri
Cover der franz. Ausgabe der Biographie von Pierre Assouline

Geboren als Sohn großbürgerlicher Garn­fabrikanten aus der Normandie mit künsterischem Interessen: Urgroßvater, Großvater, Vater und Onkel zeichneten. Seine Ausbildung am Condorcet-Lyzeum schließt er nicht ab und wendet sich ab 1926 der Malerei bei André Lhote (1885-1962) zu. Der Kubist legt den entscheidenden Grundstein für die Sichtweise und Bildgestaltung von Henri Cartier-Bresson (HCB), dort infiziert er sich mit dem „Virus der Geometrie”: dem Goldenen Schnitt, den Kompositions­gesetzen, den Proportionen und dem idealen Maß. Der andere Maler mit starkem Einfluß und gewissermasßen das Gegengewicht zum Kubismus ist der Surrealist André Breton (1896-1966): dort lernt er den Geschmack von Intuition, Ungehorsam, Zufall und Koinzidenz kennen. Beides wird sein Leben und seine Fotografie bestimmen.
Im Oktober 1930 reist er, bereits mit einem Fotoapparat, an die Elfenbeinküste. Allerdings ist nicht die Fotografie der Zweck seiner Reise, sondern nur eine Nebenbeschäftigung. Aber hier wird der Grundstein zu seiner lebenslangen Reisetätigkeit gelegt. Wobei er sich selbst nicht als Reisenden sieht, da er gerne lange in einem Land verweilt und auch gerne Pausen zwischen den Ländern einlegt.
Nach einem Jahr erkrankt er an Schwarzwasserfieber und muß nach Frankreich zurückkehren. Dort entdeckt er in der Zeitschrift Arts et Métiers graphiques ein Foto von Martin Munkácsi (1886-1963), das für ihn zur Offenbarung wird und seinem Leben die entscheidende Wende vom Maler zum Fotografen gibt: drei schwarze Jungen, die sich in die Wellen des Tanganjikasees stürzen.

"Dieses Photo war der Auslöser, hat mir Lust gemacht, die Wirklichkeit durch das Objektiv zu betrachten. [...] Das ist das einzige Foto, das mich beeinflusst hat." (Henri Cartier-Bresson, Der Schnappschuss und sein Meister, S. 30)

Erste Reisen

1932 erwirbt er seine erste Leica, die Kamera, die ihn in Zukunft überall hin begleiten wird. Er bricht zu einer Reise nach Osteuropa, Italien, Südfrankreich und Spanien auf, diesmal, um zu fotografieren. Ende 1932 erscheint seine erste Reportage in der französischen Zeitschrift Vu. 1934 reist er nach Mexiko, mit einem kurzen Zwischenaufenthalt in Havanna, wo er ein Jahr bleiben und an einer ethnographischen Expedition teilnehmen wird. 1935 verläßt er Mexiko Richtung New York, wo er von Paul Strand und einer Gruppe von Dokumentarfilmern, die sich Nykino nennen, in die Grundlagen von Kameraführung und Schnitt eingeführt wird. HCB schwankt, ob er nicht die Fotografie zugunsten des Film aufgeben soll, und kehrt nach Paris zurück.

Fotografie oder Film

Da ihn Luis Buñuel und Wilhelm Pabst abweisen, bewirbt er sich bei Jean Renoir, bei dem er als Assistent an den Filmen „Das Leben gehört uns”, „Eine Landpartie” und „Die Spielregel” mitwirkt. Außerdem dreht HCB 1937 selbst gemeinsam mit seinen Freunden von Nykino den Dokumentarfilm „Der Sieg des Lebens (Return to live)” über Krankenhäuser in Spanien, und 1938 „Spanien wird leben”. Beides sind Manifeste für das republikanische Spanien, das der links stehende, antifaschistische Cartier-Bresson unterstützte. Gleichzeitg arbeitet er nach seiner Heirat mit Ratna Mohini als Reporter für die kommunistische Zeitung Ce Soir und die Zeitschrift Regards. Für letztere macht er seine berühmt gewordene Reportage über die Krönung von George VI., wo er nicht die Zeremonie, sondern ihre Spiegelung in den Zuschauern fotografiert.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Cartier-Bresson zum Filmdienst der III. Armee eingezogen. Am 23. Juni 1940 gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er erst im Frühjahr 1943 nach drei Fluchtversuchen entkommen kann. Im Film „Die Heimkehr” setzt er den Gefangenen und Heimkehrern aus den Lagern ein Denkmal. Er schließt sich der Widerstandsbewegung an und fotografiert 1944 die Befreiung von Paris.

Der Fotojournalist

1946 landet er wieder in New York. Im April 1947 bereist er gemeinsam mit dem Schriftsteller John Malcolm Brinnin (1916-1998) drei Monate lang die USA, von Baltimore über Chikago, Memphis, Houston bis nach Los Angeles. Auf dieser fast 20.000 km langen Autofahrt besuchen sie William Faulkner, Robert Flaherty, Henry Miller, Frank Lloyd Wright, Jean Renoir und Max Ernst, die HCB alle fotografiert. Das Projekt mit Brinnin scheitert, das geplante Buch kann Cartier-Bresson erst in den 1990er-Jahren veröffentlichen (Amerika: Photo-Skizzen). Es ist ein ernüchterndes Porträt der USA.
Ebenfalls 1947 gründet er gemeinsam mit Robert Capa, David (Chim) Seymour, William Vandiver und George Rodger die genossenschaftlich organisierte Foto-Agentur Magnum. Die Gründungsmitglieder haben ihre geographischen Zuständigkeiten untereinander aufgeteilt: Cartier-Bresson kümmert sich um Asien, Rodger um Afrika und den Nahen Osten, Seymour um Europa und Vandivert um die USA, Capa greift an den Brennpunkten ein.

cartier-bresson-cuba-life
LIFE, März 1953

HCB gelingt es, nicht nur den „entscheidenden Augenblick” zu erfassen, sondern auch noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: 1947 in Indien kurz nach der Unabhängigkeits­erklärung, 1948 bei der Ermordung von Mahatma Gandhi, der wenige Stunden vorher noch in seinem MoMa-Katalog geblättert hatte. Ende 1948 erlebt er die letzten sechs Monate des Kuomintang-Regimes und die ersten sechs Monate der Volksrepublik China. 1953 porträtiert er Fidel Castro und das revolutionäre Cuba. 1954 ist er der erste westliche Reporter, der die Sowjetunion nach dem Tod Stalins bereisen darf. Aus ihm ist, einem Rat Capas folgend, nun der Fotojournalist geworden. Er will seine Bildreportagen in Magazinen in aller Welt veröffentlichen, sieht seine höchste Aufgabe darin, die zentralen Ereignisse und Personen des Weltgeschehens dem Massenpublikum zu vermitteln. Als Meister des Einzelbildes gefeiert, war die Basis seines Werkes doch immer die Reportage, eine Serie zusammenhängender Bilder, die eine Geschichte erzählen.

Der Berühmte

Auch in den folgenden Jahren reist Cartier-Bresson um die Welt, besucht nochmals die Volksrepublik China und Mexiko, Indien und Japan. 1969 erforscht er ein Jahr lang Frankreich, begleitend zur Ausstellung „En France”, die 1970 im Grand Palais stattfindet.
Ab Mitte der 1970er-Jahre widmet er sich verstärkt der Zeichnung, fotografiert immer weniger und bald nur noch im privaten Rahmen, präsentiert sein Werk in zahlreichen Büchern und Ausstellungen. Er wendet sich von der Reportage ab, nimmt keine Aufträge von Zeitungen mehr an. 95-jährig stribt er im August 2004 in seinem Haus in der Provence, hochbetagt und hochberühmt.

Wenn man seine Bilder betrachtet, so weiß und spürt man bei vielen, daß man selbst sie unbeachtet gelassen, den Augenblick nicht erkannt hätte. Natürlich hat er die Kontaktbögen erwartet, um zu sehen, welches Bild diesen entscheidenden Augenblick eingefangen hatte - aber es gab immer so ein Bild.

Weitere Informationen

Verzeichnis der Ausstellungen
Fondation Henri Cartier-Bresson

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LeseTipps: Bücher von und über Henri Cartier-Bresson

Alle Porträts:

Cuba: Tamara Bunke, Julio Antonio Mella,
Fotografen: René Burri, Harry Callahan, Henri Cartier-Bresson, Anna Kahn, André Kertész, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, Anja Niedringhaus, Joel Sternfeld, Weegee,
Hamburg: Albert Ballin, Gabriel Riesser,
Island: Snorri Sturluson, Victor Urbancic,
Korsika: Napoleon I. Bonaparte, Joseph Fesch,
Mecklenburg-Vorpommern: Otto Lilienthal,
Norwegen: Johan Halvorsen, Anne Holt, Richard With,
Reisende: James Cook, Rudolf Carl Slatin Pascha,
Sizilien: Friedrich II.,
Toskana: Sandro Botticelli,
USA: John Steinbeck,


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