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Porträt Otto Lilienthal,
deutscher Flugpionier

* 23. Mai 1848, Anklam/Preußen
† 10. August 1896, Berlin/Deutsches Reich

Von den Störchen lernte Otto Lilienthal das Fliegen. Er war der erste Mensch, der sich mit einem Flugapparat - „schwerer als Luft” - in den Himmel erhob. Gemeinsam mit Bruder Gustav erfand er den ersten Steinbaukasten für Kinder, den „Ankerbaukasten”. Mit seinen Erkenntnissen entwickelten die Gebrüder Wright ihre Motorflugzeuge.

Jugend

Otto Lilienthal
Otto Lilienthal, 1885
Bild-Nr.: OLM F0056LP, Archiv Otto-Lilienthal-Museum / www.lilienthal-museum.de

Otto Lilienthal wurde als erstes von acht Kindern des Kaufmanns Gustav Lilienthal und seiner Frau Caroline, geb. Pohle, geboren. Von seinen Geschwistern überlebten nur sein um ein Jahr jüngerer Bruder Gustav und seine Schwester Marie. Der Vater war ein mathematisch und technisch begabter Mann, die Mutter hatte in Dresden und Berlin Musik studiert. 1854 ging das väterliche Geschäft in Konkurs. Trotzdem versuchten er und vor allem dann seine Frau Caroline, die Kinder ordentlich auszubilden. Die Familie wollte nach Amerika auswandern, der Tod des Vaters 1861 machte diese Pläne zunichte.
1856 bis 1864 besuchte Otto das Gymnasium in Anklam, wo er Mathematikunterricht bei Gustav Spörer, einem bedeutenden deutschen Astronomen, erhielt. Schon zu dieser Zeit begannen er und sein Bruder, sich für das Fliegen zu interessieren. Ihr Vorbild waren die Störche, die es in großer Zahl in der Umgebung von Anklam gab.

Erste Flugversuche

Die 14 und 13 Jahre alten Brüder fertigten aus dünnem Buchenspan zwei jeweils zwei Meter lange Bretter. Diese schnallten sie sich unter die Arme und versuchten, sich damit einen Hügel gegen den Wind abwärts laufend aufzusteigen - was ihnen natürlich nicht gelang. Dennoch verzagten sie nicht, sondern versuchten, eine weitere Beobachtung umzusetzen: Vogelfedern wirken wie Ventile. Hoben sich die Schwingen, ließen die Federn den Wind durch, senkten sich die Schwingen, waren sie dicht. Doch auch diese Erkenntnis half ihnen nicht weiter, sie blieben am Boden.
1864 bis 1866 besuchte Otto die Provinzial-Gewerbeschule in Potsdam und schloß 1867 ein Praktikum bei der Firma Schwartzkopf (Maschinenbau) in Berlin an. Sein Bruder Gustav machte einen Maurerlehre. Auch in dieser Zeit setzten sie ihre Untersuchungen zum Fliegen fort.
In Berlin musste sich Otto als Schlafbursche/Bettgänger sein Bett mit einem Droschken- und einem Rollkutscher teilen. Damit gehörte er zu den 50.000 Schlafburschen in Berlin, die rund jede sechste Mietwohnung belegten.

Weitere Ausbildung

Lilienthals Flugschlagapparat
Versuchsaufbau für Flügelschlag­experimente, 1868, Holzstich
Quelle: Wikipedia

Das erfolgreiche Praktikum ermöglichte Otto 1867 die Aufnahme in die Königliche Gewerbeakademie in Berlin, die er bis 1870 besuchte. Auch Gustav war nach Berlin gezogen und studierte an der Bauakademie.
In ihrer kleinen Dachwohnung bauten sie einen Flügelschlagapparat aus leichtem Palisanderholz zusammen und ersetzten die Federn durch Tüll. Die drei Flügelpaare ließen sich durch einen Pedalantrieb bewegen. Sie hängten den Apparat am Hausgiebel auf und konnten belegen, daß sie mit einem kräftigen Flügelschlag das halbe Eigengewicht hocheben konnten. Aber zum Fliegen reichte es immer noch nicht.

Deutsch-französischer Krieg

1870, knapp vor Ottos Abschluß an der Gewerbeakakdemie, erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Während Gustav wegen eines Ohrenleidens zurückgestellt wurde, meldete sich Otto als Einjährig-Freiwilliger und nahm als Garde-Füsilier an der Belagerung von Paris teil. Dort konnte er die Ballone beobachten, mit denen Nachrichten und teilweise auch Personen aus der Stadt entkamen. Dabei wurde ihm klar, daß die Zukunft der Luftfahrt nicht bei den Ballonen sein würde: sie waren nicht steuerbar, sondern flogen dorthin, wohin der Wind sie trieb.

Erfindungen

1871 kehrte Otto aus dem Krieg nach Berlin zurück und erhielt eine Stelle als Ingenieur in einer Maschinenfabrik von Emil Rathenau, der 17 Jahre später die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) gründen sollte. Gustav bekam Arbeit als Bauleiter. In die gemietete Wohnung in der Nähe der Friedrichstraße zogen bald auch die Schwester Marie und die Urgroßmutter ein. Die Mutter war in Anklam an einer Lungenentzüdung gestorben.
Der Dachboden des Hauses wurde zur Wekstatt der Brüder, um den Geheimnissen des Flugelflugs auf den Grund zu gehen. Sie bauten Modelle und versuchten, offene physikalische Fragen zu klären: Wo müßte sich der Schwerpunkt befinden? Welche Form und relative Maße müßten die Flügel haben? Woher kamen Auftrieb und vor allem Vortrieb? Aber schon bald wurde ihnen bewußt, daß die menschliche Muskelkraft niemals ausreichen würde, um wie ein Vogel zu fliegen.

Heißluftmotor

Otto entwickelte einen Heißluftmotor, der mit Alkohol betrieben wurde und eine Leistung von ¼ PS hatte. Flügelmodell und Motor wogen zusammen so viel wie ein Storch - vier Kilogramm. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Otto ließ sich den Motor patentierenund gründete 1883 eine Fabrik für „gefahrlose Dampfkessel aus Schlangenrohr-Elementen”. Die Dampfkessel- und Maschinenfabrik Otto Lilienthal existierte unter diesem Namen noch bis zum Ersten Weltkrieg.

Anker-Steinbaukasten

Anker-Steinbaukasten
Anker-Steinbaukasten, Vorlagen
Otto-Lilienthal-Museum Anklam
Foto © Walter Reinthaler/ www.bilderreisen.at (cc)

Schon 1873 waren die Brüder Mitglied in der Aeronautical Society of Great Britain geworden. Otto Lilienthal hielt erste öffentliche Vorträge zur Theorie des Vogelflugs. Auch nach seiner Heirat 1878 mit Agnes Fischer, Tochter eines Bergmanns, setzten die Brüder ihre Experimente fort. 1879 wurde, als erstes von vier Kindern, sein Sohn Otto geboren. Vielleicht für ihn entwickelte er mit seinem Bruder Gustav ein Baukastensystem für Kinder mit Steinen aus mineralischen, mit Leinöl gebundenen Bestandteilen, den Anker-Steinbaukasten. Leider gelang es nicht, die Erfndung erfolgreich zu vermarkten, so daß sie sie an Friedrich A. Richter verkauften. Dieser machte den Baukasten, der heute noch hergestellt wird, weltberühmt.

Normalsegelapparat

Die 1883 gegründete Firma wuchs rasch zu einer Fabrik mit 60 Mitarbeitern heran. Sie wurde überaus modern geführt; schon 1890 wurden die Arbeiter mit 25% am Reingewinn des Unternehmens beteiligt. Ab 1894 stellte sie auch den Normalsegelapparat in Serie her und wurde damit zur ersten Flugzeugfabrik der Welt.

Der Menschenflug

1888 nahmen die Brüder Otto und Gustav Lilienthal ihre Flugforschungen wieder auf. Grund für die lange Unterbrechung waren zum einen Ottos Heirat, zum anderen 1880 die Auswanderung von Gustav und Marie nach Australien. Marie heiratete dort und ging nach Neuseeland, Gustav kehrte 1885 nach Deutschland zurück. Auch er heiratete und baute sich eine Existenz als Architekt auf. Außerdem engagierte er sich in sozialen Bewegungen, die sich für Verbesserungen für gering verdienende Familien einsetzten.

Theoretische Erkenntnisse

Vogelflug-Buch Otto Lilienthal
Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst, Berlin 1889
Otto-Lilienthal-Museum

Otto fasste seine Erkenntnisse über die Eigenschaften unterschiedlicher Flügelprofile, den Widerstand in Bewegungsrichtung und den Auftrieb in seinem Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst” (Berlin 1889, als PDF im Otto-Lilienthal-Museum) zusammen. Das Buch enthält eine Fülle von theoretischen und experimentellen Ergebnissen. Allerdings waren ihm das Bernoulli-Gesetz des Schweizer Mathematikers und Physikers Daniel Bernoulli (1700-1782) nicht bekannt, so daß er eine falsche Theorie zum aerodynamischen Auftrieb entwickelte und das Geheimnis des Fliegens nicht wirklich lösen konnte. Außerdem berücksichtigte er bei seinen Flügen von Hügeln herab nicht die thermischen Aufwinde, da er sich nur auf das Fliegen gegen den Wind konzentrierte, wie er es von den Störchen gelernt hatte.

Praktische Flugversuche

Otto Lilienthal, Flugversuch
Otto Lilienthal bei einem Flugversuch
Otto-Lilienthal-Museum Anklam
Foto © Walter Reinthaler/ www.bilderreisen.at (cc)

Die ersten Versuche mit einem Flügelpaar von elf Metern Spannweite fanden im Sommer 1889 in Lichterfelde statt. Es waren Sprünge von einer bis zu zwei Metern hohen Rampe. Im Sommer 1891 fand Otto Lilienthal in Derwitz, 20 Kilometer westlich von Potsdam, sein erstes Fluggelände. Hugo Edlitz, ein Techniker seiner Firma, testete mit ihm die Fluggeräte und flog auch selbst. Ottos Bruder Gustav hatte das Interesse am Fliegen verloren. Das Risiko war groß, plötzlicher Windwechsel führte immer wieder zu Unfällen, vor allem Verstauchungen der Füße und Arme.
Die Flugversuche lockten Schaulustige, Reporter und Fotografen an. Unter ihnen befand sich auch der Metereologe Carl Kassner, der als Erster Otto Lilienthal bei seinen Flugversuchen fotografierte. Bei diesen Versuchen erreichte Otto aus fünf bis sechs Metern Höhe Weiten bis zu 25 Metern.
1892 und 1893 unternahm er seine Flugversuche von einem langgestreckten Hügel names Rauher Berg zwischen Steglitz und Mariendorf. Hier schaffte er aus einer Höhe von etwa zehn Metern Weiten bis zu 80 Metern. Er verwendete dabei einen Flugapparat mit elf Metern Spannweite, mußte aber feststellen, daß die Geräte mit zunehmender Spannweiter immer windanfälliger wurden und damit schwieriger zu beherrschen waren.

Fliegen vom Rhinower Berg

Otto Lilienthal mit einem Doppeldecker-Flugapparat
Otto Lilienthal mit einem Doppeldecker-Flugapparat
Modell im Otto-Lilienthal-Museum Anklam
Foto © Walter Reinthaler/ www.bilderreisen.at (cc)

1894 suchte Otto einen höheren Hügel als Übungsplatz und wurde in den Rhinover Bergen bei Stölln fündig. Hier kam ihm auch der Gedanke, es mit Doppeldeckern zu versuchen. Diese hätten bei gleicher Tragfläche eine geringere Spannweite. Aber die Stabilität verbesserten sie nicht entscheidend.
Otto kehrte zur Idee des Schlagflügelapparats zurück, wobei er die notwendige Kraft mit einem Moter gewinnen wollte. Die Idee erwies sich zwar als Sackgasse, doch war die Verwendung eines Motors interessant für englische und amerikanische Flugpioniere, die Propeller einsetzten.
An diesem Übungsort besuchten Otto Flugbegeisterte aus aller Welt, denn seine Flüge waren zunehmend fotografiert und in Zeitschriften veröffentlicht worden. Unter den Besuchern befanden sich Samuel Pierpont Langley aus den USA, Professor Nikolai Jegorowitsch Schukowski aus Russland, der Erfinder Hiram S. Maxim und sein Assistent Percy Pilcher aus England und Wilhelm Kress aus Österreich. Sie werden eine wichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Flugzeugs spielen.

Das Ende

Am 9. August 1896 stürzte Lilienthal am Gollenberg bei Stölln aus etwa 15 Metern Höhe aufgrund einer „Sonnenbö” - einer thermischen Ablösung - ab. Es ist sein zweiter Flugversuch an diesem Tag. Nach einem kurzen Flug erfasste ihn plötzlich ein Aufwind. Otto blieb unbeweglich in der Luft stehen, versuchte den Schwerpunkt zu verlagern, um den Flugapparat wieder in Gang zu bringen. Die Aussteuerung gelang ihm nicht, er neigte sich nach unten und stürzte aus 15 Metern Höhe ab. Zum Unfall dürfte beigetragen haben, dass Lilienthal seine Flugdistanzen immer wieder zu vergrößern versuchte, wozu er mit erhöhtem Anstellwinkel und damit langsamer fliegen musste.
Neuere Untersuchungen der Todesursache ergaben, daß Otto Lilienthal nicht an einem Bruch des dritten Halswirbels, sondern vermutlich an einer Hirnblutung am darauffolgenden Tag verstarb.

Was blieb

Otto Lilienthal war wahrscheinlich nicht der erste Flieger der Menschheit, als der er oft bezeichnet wird. Dennoch darf er als derjenige gelten, der das Flugproblem gelöst hat. Er war der erste, der die Wirkung verschiedener Flügelprofile systematisch vermaß und dokumentierte. Er war der erste, der aufbauend auf diesen Messungen wiederholt kontrolliert geflogen ist und seine Erkenntnisse regelmäßig publizierte. Und schließlich war er der erste, der einen Flugapparat zur Serienreife entwickelte und verkaufte. Viele Flugpioniere arbeiten nach seinen Erkenntnissen weiter. Von ihm führt die wichtigste Entwicklungslinie über Octave Chanute zu den Gebrüdern Wright.

Anklam, Otto-Lilienthal-Museum
Otto-Lilienthal-Museum Anklam, ständige Ausstellung
Foto Wittig / Otto-Lilienthal-Museum

Wesentliche Teile seines Nachlasses befinden sich heute im Deutschen Museum in München und im Otto-Lilienthal-Museum in Anklam. Original-Flugapparate sind im Technischen Museum in Wien, im National Air and Space Museum in Washington, im Shukowski-Museum in Moskau, im Science Museum in London und im Deutschen Museum in München erhalten.
Zahlreiche Gedenkstätten, Denkmäler und Briefmarken erinnern in Deutschland an Otto Lilienthal. Reinhard Mey widmete ihm das Lied Lilienthals Traum aus dem Album „Leuchtfeuer” (1996); Udo Jürgens das Lied Flieg - Flieg in die Sonne (1991) vom Album „Geradeaus”.

„Man sagt, daß er verunglückt wär beim letzten Flug / Jedoch, das stimmt nur ungefähr / Er kam nur nicht zurück” (Udo Jürgens, Flieg - Flieg in die Sonne)

LeseTipp Otto Lilienthal

Weitere Quellen:

Alle Porträts:

Cuba: Tamara Bunke, Julio Antonio Mella,
Fotografen: René Burri, Harry Callahan, Henri Cartier-Bresson, Anna Kahn, André Kertész, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, Anja Niedringhaus, Joel Sternfeld, Weegee,
Hamburg: Albert Ballin, Gabriel Riesser,
Island: Snorri Sturluson, Victor Urbancic,
Korsika: Napoleon I. Bonaparte, Joseph Fesch,
Mecklenburg-Vorpommern: Otto Lilienthal,
Norwegen: Johan Halvorsen, Anne Holt, Richard With,
Reisende: James Cook, Rudolf Carl Slatin Pascha,
Sizilien: Friedrich II.,
Toskana: Sandro Botticelli,
USA: John Steinbeck,

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