Porträt Joel Meyerowitz, amerikanischer Fotograf

* 6. März 1938 Bronx/New York/USA

Durch Zufall kam Joel Meyerowitz zur Fotografie und wurde ein Street Photographer. Später wechselte er zur Langsamkeit der Großbildkamera. Nach 9/11 dokumentierte er das Gelände des Ground Zero und die Parks von New York.

Der Beginn

Joel Meyerowitz
Joel Meyerowitz, Wien Juni 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Joel Meyerowitz studiert von 1956 bis 1958 an der Ohio State University in Columbus und wurde dann Art Director bei einer Werbeagentur in New York. 1962 engagierte er den bekannten Fotografen Robert Frank für eine Werbekampagne. Fasziniert von dessen Arbeit und Umgang mit der Kamera beschloß Meyerowitz, selbst Fotograf zu werden. Ab 1963 arbeitete er als Street Photographer in der Tradition von Henri Cartier-Bresson and Robert Frank. In den Straßen New Yorks lichtete er Menschen in alltäglichen Situationen, bei Paraden oder des nachts am Time Square ab. Ungewöhnlich für seine Zeit verwendete er bereits damals Farbfilme.

Die Europareise

Die Europareise in den Jahren 1966/67 markiert den ersten Wendepunkt in seinem fotografischen Schaffen. Meyerowitz beginnt, die Farbfotografie kritisch zu hinterfragen, und arbeitet parallel mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Er bildet seinen künstlerischen Instinkt und sein Gefühl für Zeit aus. Denn Zeit hat in Europa eine ganz andere Bedeutung als in Amerika.

Joel Meyerowitz, „From a moving car“
Joel Meyerowitz, „From a moving car“
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Meyerowitz schoss rund 2.000 Aufnahmen aus einem fahrenden Auto. Die Serie „From a moving car“ erregte großes Aufsehen und wurde 1968 seine erste Soloausstellung im Museum of Modern Art.

Farbe oder Schwarzweiß?

Farbe war ein Produkt der Werbung, die künstlerische Fotografie erfolgte in Schwarzweiß. Erst in den 1970er-Jahren kam es langsam zu einem Umdenken, wurde die Farbfotografie salonfähig. Wie René Burri führte auch Joel Meyerowitz ein fotografisches „Doppelleben” und arbeitete mit zwei Kameras.

Joel Meyerowitz
Joel Meyerowitz, Farbe oder Schwarzweiß?
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Seine Entscheidung für Farbe begründet er so: Fotografie sei die Beschreibung der Umwelt, aber Schwarz-Weiß biete zu wenig Information. Nur mit der Farbe erhhalte man eine vollständige Beschreibung der Welt. Damit zählt er wie Saul Leiter, William Eggleston, Joel Sternfeld und Stephen Shore zu den Pionieren der Farbfotografie und der „New Color Photography”.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Das neue Gefühl für Zeit als Resultat seiner Europareise, aber auch das achromatische Licht zwischen Sonnenaufgang und Dämmerung und der größere Detailreichtum lassen Meyerowitz von der Kleinbildkamera zu einer 8x10 Plattenkamera wechseln. Nun geht es nicht mehr um Geschwindigkeit, sondern um Langzeitbelichtung, um etwa die Stimmung in Cape Cod einzufangen.

Plattenkamera von Joel Meyerowitz
Plattenkamera von Joel Meyerowitz
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Es entstehen Lichtbetrachtungen der „blauen Stunde“ und Küstenbilder, die zeigen, wie die Farbe zum zentralen Protagonisten der Fotos avanciert. Joel Meyerowitz‘ erstes Buch „Cape Light“ (1978), in dem er achromatische Variationen des Lichts am Cape Cod untersucht, gilt heute als Meilenstein der Fotografie.

Joel Meyerowitz, Cape Cod
Joel Meyerowitz, Lichtstimmungen am Cape Cod
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)
„Meinen Kopf unter das dunkle Tuch zu stecken, war wie der Eintritt in einen Höhle, die ich nie zuvor erforscht hatte - es stellte sich heraus, dass es Platos Höhle war. Das Innere dieses Hauses verkehrt herum auf dem geschliffenen Glas zu sehen, erfüllte mich mit einer Aufregung, die bis heute anhält.” (Joel Meyerowitz)

Landschaft und Porträts

Verbunden mit der neuen Langsamkeit wechselt Meyerowitz' fotografischer Fokus zu Landschaft und Porträts. Sein Interesse für Rudimente der ursprünglichen Natur in der Kulturlandschaft führt zu den fotografischen Dokumentationen von Parkanlagen in New York in der Serie „Legacy“, die zwischen 2006 und 2009 entstand.

Joel Meyerowitz, Porträts
Joel Meyerowitz, Porträts
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Spontane Porträts - die Plattenkamera erlaubt ja jeweils nur eine Aufnahme - und die Landschaft der Toskana, wo er zeitweise lebt, stehen im Mittelpunkt seines fotografischen Schaffens.

Ground Zero

In seiner Serie „Aftermath“, einer Werkgruppe mit rund 400 großformatigen Bildern von Ground Zero, setzt sich Joel Meyerowitz mit den Nachwirkungen der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 auseinander. Neben dem künstlerischen Ansatz zeigt Meyerowitz hier eindrucksvoll die dokumentarische Signifikanz des Mediums Fotografie.

Stillleben

Aktuell geht Joel Meyerowitz neue Wege in seiner Fotokunst: Seine Serie „The Effect of France“ zeigt Stillleben beziehungsweise portraitierte Objekte. Inspiriert von seiner Provence-Reise zu Paul Cézanne fotografierte das Atelier des französischen Malers und nahm bestimmte Elemente heraus – Cézannes Hut, eine Vase oder einen Krug – und fügte sie zu einem großformatigen Bild zusammen. 2012 präsentierte Meyerowitz „Cezanne's Objects“ erstmals auf der Paris Photo in Paris.

Joel Meyerowitz, Stillleben
Joel Meyerowitz, Stillleben
Ausstellungsansicht „Joel Meyerowitz - Retrospective” KunstHaus Wien, 2015
Foto © www.bilderreisen.at/Walter Reinthaler (cc)

Joel Meyerowitz zählt zu den bedeutendsten Fotografen der Kunstgeschichte. Seine Arbeiten stellte er in über 350 Ausstellungen rund um den Globus aus. Sie sind in wichtigen Sammlungen, wie beispielsweise im Museum of Modern Art in New York, der Albertina in Wien oder dem Stedelijk Museum in Amsterdam vertreten. Zu seinen Auszeichnungen zählen unter anderem das Guggenheim Fellow oder die Central Medal der Royal Photographic Society, das National Endowment for the Arts und National Endowment for the Humanities sowie der Deutsche Fotobuchpreis (2006/2007 für „Aftermath: World Trade Center Archive”).

„When I think about my photographs, I understand that my interest has not been in identifying a singular thing, but in photographing the relationship between things.” (Joel Meyerowitz)

LeseTipps: Bücher von und über Joel Meyerowitz

Alle Porträts:

Cuba: Tamara Bunke, Julio Antonio Mella,
Fotografen: René Burri, Harry Callahan, Henri Cartier-Bresson, Anna Kahn, André Kertész, Saul Leiter, Joel Meyerowitz, Anja Niedringhaus, Joel Sternfeld, Weegee,
Hamburg: Albert Ballin, Gabriel Riesser,
Island: Snorri Sturluson, Victor Urbancic,
Korsika: Napoleon I. Bonaparte, Joseph Fesch,
Mecklenburg-Vorpommern: Otto Lilienthal,
Norwegen: Johan Halvorsen, Anne Holt, Richard With,
Reisende: James Cook, Rudolf Carl Slatin Pascha,
Sizilien: Friedrich II.,
Toskana: Sandro Botticelli,
USA: John Steinbeck,

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