Hamburg — BallinStadt

Die BallinStadt ist ein Stück gelebter Hamburger Geschichte. In den drei rekonstruierten Gebäuden wird die Epoche der Auswanderung wieder lebendig, lässt sich das Schicksal der Auswanderer nacherleben.

BallinStadt, Rekonstruierte Unterkünfte
Hamburg, Veddel, Mai 2011
BallinStadt, Rekonstruierte Unterkünfte
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Geschichte

Hamburg war zwischen 1850 und 1939 für fünf Millionen europäische Auswanderer das „Tor zur Welt”. Die starke Position Hamburgs im Auswanderergeschäft seit den 1880er-Jahren geht auf Albert Ballin zurück. Er entwickelte als Direktor und ab 1897 als Generaldirektor der HAPAG (Hamburg-Amerikanische-Paketfahrt-Actien-Gesellschaft, später Hamburg-Amerika-Linie) ein geniales Konzept, um die Auswanderer nach Hamburg zu lotsen und dann weiter in die USA zu bringen.

Die HAPAG überziog Osteuropa mit einem Netz von Auswanderer-Agenten, die den Auswanderungswilligen einen „All inclusiv-Service” anboten: Transport mit HAPAG-Zügen nach Hamburg, Unterbringung in den Auswanderer-Hallen und medizinische Untersuchung, Schiffspassage nach Amerika. Damit konnten sich die Auswanderer vor den Gefahren der Großstadt schützen. Die HAPAG ihrerseits konnte sie in Quarantäne halten und auf Krankheiten untersuchen. Denn sie musste Passagiere, die wegen Erkrankungen in den USA abgewiesen wurden, auf eigene Kosten nach Hamburg zurückbringen.

Die Cholera-Epedemie von 1892

Anlass für die Errichtung der Auswanderer-Hallen war die große Cholera-Epedemie von 1892, an der über 8.600 Menschen starben. Die öffentliche Meinung beschuldigte russische Auswanderer für den Ausbruch der Epidemie - auch wenn die miserablen hygienischen Verhältnisse die wahre Ursache waren.
Der Hafen der Stadt wurde für alle osteuropäischen Zwischendeckspassagiere gesperrt. Ein schwerer Schlag für die HAPAG. Albert Ballin bot der Stadt daraufhin die Errichtung von Auswanderer-Quartieren auf der Veddel an. Mit den eigenen Zügen nach Hamburg gebracht kamen die Auswanderer nicht mehr mit der Stadtbevölkerung in Berührung. Im Dezember 1901 wurde die Anlage eröffnet, 1.200 Personen konnten hier untergebracht werden.

Ausbau 1907

Schon bald war die Anlage zu klein und musste erweitert werden. Die provisorischen Gebäude wurden durch feste Backsteinbauten ersetzt. Im Endausbau umfasste die Auswandererstadt 51 Gebäude auf rund 55.000 m². Sie konnte 5.000 Menschen gleichzeitig aufnehmen. Diese wurden von 180 Hapag-Angestellten, darunter 28 Dolmetscher, betreut. 72% der 156.000 Auswanderer, die 1907 Hamburg verließen, fanden in den Auswandererhallen Unterkunft. Und fuhren auf HAPAG-Schiffen in die Neue Welt - zweifellos ein gutes Geschäft.

1914 - 1945

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges übernahm die deutsche Kriegsmarine diese Quartiere und wandelte sie in ein Lazarett um. Nach dem Krieg begann die Emigration wieder, aber zahlenmäßig in keinem Verhältnis zur Vorkriegszeit.
1934 übergab die HAPAG die Auswandererhallen an die Stadt Hamburg. Bis 1938 wurden sie von der SS-Standarte „Germania” verwendet. 1939 wurden die Gebäude teilweise abgerissen, um Platz für die Hamburger Straßenbahn zu schaffen. Das Hauptgebäude fiel dem Bau der vierspurigen Wilhelmsburger Reichsstraße zum Opfer, die Hamburg mit Harburg verbindet.
Die verbliebenen Hallen wurden Hamburgs größtes Kriegsgefangenenlager. Zwischen 1.500 und 2.000 französische, belgische, polische, serbische und sowjetische Kriegsgefangene waren hier unter miserablen sanitären Bedingungen interniert, Thyphus- und Ruhrerkrankungen waren häufig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach Kriegsende wurden die Hallen von einer britischen Transportkompanie benutzt. Von 1947 bis zum Anfang der 1960er-Jahre wurden sie ausgebombten Hamburgern als provisorische Unterkunft zugewiesen. Besonders die Kirche war für viele Veddeler ein wichtiger Anlaufpunkt.
1962 wurden alle Gebäude bis auf eines und die Kirche abgerissen. Vom Beginn der 1980er-Jahre bis 2001 befand sich in diesem Gebäude ein portugiesisches Restaurant.

Von den Auswandererhallen zur BallinStadt

2004 beschloß die Stadt Hamburg, an dieser historischen Stelle ein Auswanderer-Museum zu errichten. Das Projekt wurde als sogenannte „Public Private Partnership” zwischen der Stadt Hamburg und der Leisure Work Group GmbH umgesetzt und 2007 eröffnet: „Das Auswanderermuseum Hamburg - BallinStadt”, port of dreams.

BallinStadt, Rekonstruiertes Gebäude
BallinStadt, Rekonstruiertes Gebäude, Mai 2011
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Drei der Häuser wurden rekonstruiert und beherbergen nun die Dauerausstellung. Die Gesamtprojektleitung liegt beim Museum der Arbeit; eine ergänzende Dauerausstellung befindet sich im Museum für Hamburgische Geschichte.

Die Ausstellung

„German Book Store” in New York,
Mai 2011
Foto © Walter Reinthaler/www.bilderreisen.at (cc)

Im Haus 1 befindet sich der Haupteingang mit Kassa und Infopoint. An den Terminals kann man kostenlos nach den eigenen Ahnen forschen.
Das Haus 2 mit der Auswanderer-Erlebnisausstellung ist das Herzstück des Museums. Sie berichtet von den Hinter­gründen der Auswanderung, stellt den Initiator Albert Ballin vor und begleitet die Auswanderer in ihre Neue Heimat.
Im Haus 3 wurde der Empfangsbereich der Auswandererhallen rekonstruiert, mit der Registrierung, einem Schlafsaal und einer Ausspeisung, heute das „Restaurant nach Amerika”. Auch der Shop befindet sich hier. Empfehlenswert ist das „Buch zum Auswanderermuseum BallinStadt Hamburg” mit vielen Hintergrundinformationen. Außer­dem gibt es noch nette und originelle Souveniers.
Für die Ausstellung sollten Sie durchaus einige Stunden einplanen.

Update: Im Mai 2016 wurde die Ausstellungsfläche um 500 m² vergrößert und die BallinStadt nach mehrwöchigem Umbau wiedereröffnet. Die neue Hauptausstellung zeigt nun im Haus 2 die Ein- und Auswandergeschichte über vier Epochen hinweg: „Neue Ufer“ (16.-19. Jahrhundert), „Das lange 19. Jahrhundert“, „Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts“ und „Welt im Wandel“ (nach 1945).

Raum der Reise, Pressefoto
Raum der Reise
Foto © BallinStadt

Die Ausstellung in Haus 1 vermittelt ein Gefühl von der Atmosphäre und den Aufenthaltsbedingungen in der Auswandererstadt.
Im Haus 3 begegnen die Besucher in der „Lebenslinien“-Ausstellung ganz persönlichen und berührenden Geschichten von Ein- und Auswanderern aus der Vergangenheit und Gegenwart. Hier befindet sich auch das ancestry-Familienforschungszentrum: Ahnenforscher können sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben.

[BallinStadt, Veddeler Bogen 2; S3 S31 Veddel-BallinStadt (ca. 5 Minuten Fußweg); Maritime Circle Line BallinStadt]

Begleitpublikation/ Ausstellungskatalog

AusstellungskatalogBetriebsgesellschaft BallinStadt mbH: BallinStadt. Das Auswanderermuseum Hamburg. 63 S.