LeseTipp: Till RAETHER, Fallwind.

Hamburg/Krimi/

 Till RAETHER: Fallwind. Till RAETHER: Fallwind.
477 S., ISBN: 978-3-499-27200-4
Adam Danowski 3
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Polaris, 2016

Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Flach wie die Wattlandschaft.
Hauptkommissar Adam Danowski wurde wegen seiner psychischen Probleme (Hypersensibilität) von der Hamburger Mordkommission zur Abteilung Operative Fallanalyse versetzt. Seine Aufgabe ist es, nicht mit Fachleuten ausgestattete Polizeieinheiten bei der Aufklärung von Verbrechen analytisch zu beraten und zu unterstützen - ohne allerdings unmittelbar in die Ermittlungen eingebunden zu sein. Das gefällt ihm prinzipiell, weil es Druck von ihm nimmt.
Allerdings ist der Job mit viel Reisetätigkeit verbunden, so daß er weniger Zeit für die Familie hat. Oft muß daher sein Vater, ein überzeugter Sozialist, zu dem er kein gutes Verhältnis hat, einspringen.
Diesmal unterstützt er die Polizei von Friederikenburg, einer Kleinstadt an der Nordsee, bei der Analyse eines Mordes an einer Frau. Sie wurde erdrosselt vor dem ehemaligen Leuchtturm hingelegt. Sie und ihre damaligen zwei Freundinnen wurden "Leuchtturmkinder" genannt. Vorher hatten sie mit ihren Eltern auf einer Vogelschutz- und -beobachtungsinsel gelebt und mußten zur Fortsetzung ihrer Schulausbildung nun bei einer Gastfamilie hier wohnen. Leuchtturmkinder wurden sie genannt, weil sie oft am Abend zu Leuchtturm gingen - den man auch von der Insel aus sehen konnte -, um dort einen mentalen Kontakt zu ihren Eltern herzustellen.
Bei der Gastfamilie gab es auch einen etwas jüngeren Sohn, der nach einem Unfall psychische Abweichungen zeigte. Nun arbeitete er als hoch angesehener Techniker bei einer Betreibergesellschaft für Windräder, die vor der Küste einen großen Windräderpark unterhielt - und somit ein bedeutender Arbeitsgeber im Ort war. Als nun das zweite Leuchtturmkind unter ähnlichen Umständen ermordet wird, liegt der Schluß nahe, daß das Motiv in der Vergangenheit zu suchen wäre. Aber auch in der Gegenwart gibt es zahlreiche Verwicklungen.
Fazit: Till Raether versucht hier, aus mehreren Perspektiven einen psychologisch tiefen Plot zu entwickeln - und scheitert. Seine pychologischen Fundamente wirken wie Küchenpsychologie, und er lässt auch noch Danowskis in dessen Jugend verstorbene Mutter auftreten und dem Sohn Ratschläge erteilen. Der Autor, der mit Blutapfel einen höchst spannenden, vielschichtigen und verstörenden Thriller aus der Welt der befreundeten Dienste vorgelegt hat, schafft es auf den ersten 300 Seiten nicht und später nur sehr mäßig, Spannung zu erzeugen. Dafür dürfen sich die Protagonisten ausführlich mit ihren Befindlichkeiten befassen, die entsprechend psychologisch verortet werden. Und bei der Schilderung unzähliger unnötiger Details hat man nur noch den Verdacht, hier wollte jemand Umfang erzeugen. Flach wie das Wattmeer und eigentlich nur 2,5 Sterne!

An sich kein Wunder, dass ihr das nicht aufgefallen war, denn das Foyer sah jetzt wieder so aus, wie es an Hunderten Tagen zuvor ausgesehen hatte. Indirekt beleuchtet, kühl, mit glänzendem kostbarem Steinboden, der einem ein undeutliches Spiegelbild davon zurückwarf, wie man in der Welt mit den Füßen nach unten hing. Corinnas Foto hatte nur zwei Wochen auf der schwarz lackierten Staffelei neben dem Empfang gestanden, ein Schwarzweißfoto aus der Personalakte, vergrößert, sodass es gerade ein bisschen größer war als das Gesicht der lebenden Corinna, was einen leicht unheimlichen Effekt hatte, als hätte der Tod Corinna aufgebläht. An der oberen rechten Ecke das schwarze Band, ein Kondolenzbuch auf einem Pult daneben.
[...]
Die Landstraße war schmal hier zwischen den Feldern und dem Küstenstreifen, am Horizont die Windräder im Wasser kaum eine Ahnung, aber sie fand auf ihrer Seite eine Trecker-Einfahrt und hielt dort an. Dann legte sie die Stirn aufs Lenkrad, weil sie das in Filmen so gesehen hatte, und weinte zum ersten Mal um ihre tote Freundin. Sie spürte nicht, wie lange. Als sie den Kopf wieder hob, war es dunkler als eben.

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