LeseTipp: Till RAETHER, Blutapfel.

Hamburg/Krimi/

 Till RAETHER: Blutapfel. Till RAETHER: Blutapfel.
475 S., ISBN: 978-3-499-26709-3
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Polaris, 2015

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Die im Dunkel sieht man nicht.
Sicherlich nicht nur in Hamburg gibt es eine Szene, die es in dunkle, aufgelassene, vorwiegend unterirdische Anlagen zieht. Alte Bahnhöfe, Fabriksanlagen, Tunnel. Hier gibt es einen Wettbewerb, wer zuerst Zugänge entdeckt und die Anlagen erkundet. Ausgetragen in entsprechenden Foren im Internet.
Trickster ist einer von ihnen, und er steht in einem Konkurrenzkampf mit jemandem, der sich "Your pale servant" nennt. Dahinter verbirgt sich Oliver Wiebusch, Einzelgänger, aber fürsorglich gegenüber den Nachbarn in der Stadtrandsiedlung, in der er wohnt. Vielleicht etwas zu fürsorglich, denn er mischt sich in das Leben der anderen ein und will es kontrollieren und steuern.
Dann wird er beim üblichen Stau im Elbtunnel in seinem Auto erschossen - und Verdächtige gibt es bald genug. Kriminalkommissar Danowski und seine Kollegin Jurkschat (sein früherer Kollege Finzi ist wegen Alkoholvergiftung in einem Heim) haben mit dem Fall zunächst nur am Rand zu tun. Danowski hat um Versetzung in Teilzeit ersucht und soll in Zukunft im Backoffice tätig sein.
Aber der Ermittlungsleiter Knud Behling scheitert mit seiner Spur, die zu ungarischen Banden führt. Der Versuch, die Bosse festzunehmen, endet fatal. So wird Danowski zum Leiter der Ermittlungen, und er hat vor allem die Nachbarn des erschossenen Wiebusch im Visier. Dann taucht noch die Amerikanerin Tracy Harris auf, die Ausrüstungsmaterial an die Hamburger Polizei verkaufen will, aber eindeutig eine militärische Vergangenheit hat. Und am Ende geht es um Geheimdienste, um befreundete Dienste, um die Chancenlosigkeit der Polizei in solchen Fällen. Kann man deutsche Staatsbürger an einen befreundeten Dienst ausliefern, einfach so übergeben?
Fazit: Im Gegensatz zu seinem Debutroman Treibland findet Till Raether hier die Balance zwischen den privaten Problemen Danowkis und den dienstlichen Herausforderungen. Seine Familie bleibt eher im Hintergrund. Erschreckend ist, wie reibungslos amerikanische und deutsche Dienste zusammenarbeiten - und die sind keineswegs die Guten - und sich über die Gesetze hinwegsetzen. Und wie machtlos die Polizei hier ist. Zu befürchten ist, daß dies keineswegs nur in Romanen vorkommt.

Darum musste man die Wartungspläne der Stadt kennen oder wissen, dass dieser fünfstöckige Bunker hier im Herzen von Altona demnächst Ort einer Kunstinszenierung werden sollte. Trickster verachtete alle, die die majestätische Ruhe der verlassenen Orte durch billige Effekte wie Kunst störten. Aber gut an ihrem eitlen Treiben war, dass die Schleusen in den Wochen davor offen blieben und er nur sein kleines Werkzeug brauchte, um die Brandschutztür zu öffnen. Das hier war im Grunde ein weiterer Abschied: Gerade erst vom bleichen Diener, jetzt von diesem Bunker hier, der in wenigen Wochen durch Kunst-Pack entweiht werden würde, das dann hier mit Weingläsern und Käsestangen in den Händen hindurchflanierte.
Dafür waren die Bunker nicht gemacht worden.

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