LeseTipp: Christine KABUS, Im Land der weiten Fjorde.

Norwegen/Deutschenkinder/Roman/

 Christine KABUS: Im Land der weiten Fjorde. Christine KABUS: Im Land der weiten Fjorde.
(zuerst 2012), 589 S., ISBN: 978-3-404-16758-6
BLT 16758
Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe TB, 2013

Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Weichgewaschenes Norwegen.
Als Lisa, eine erfolgreiche Fotografin, nach dem Tod ihrer Mutter erfährt, daß diese als Kind adoptiert wurde, will sie ihre Großeltern finden. Ihre Spur ist ein altes Bild in einem Medaillon und der Hinweis auf den Ort Nordfjordeid in Norwegen. Sie fährt dorthin, und es gelingt ihr, den Hof - nun ein Gestüt -ausfindig zu machen. Dort kann sie eine Ferienhütte mieten und sich mit den Bewohnern anfreunden. Nur der alte Besitzer Finn begegnet ihr ablehnend und voller Mißtrauen. Lisa glaubt, daß er sie erkannt hat, und will den Grund dieser Ablehnung herausfinden.
In der Parallelhandlung lernen wir Lisas Großmutter Mari als junges Mädchen kennen. 1940 hat die deutsche Wehrmacht das neutrale Norwegen überfallen und besetzt. Auch am Hof von Mari werden deutsche Soldaten einquartiert. Mari verliebt sich in Johannes, einen der Soldaten, der dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüber steht - was ihm aber nicht hilft. Auch er verliebt sich in Mari, doch trotz der Unterstützung durch ihren Bruder Ole lehnt ihr Vater die Verbindung ab und wirft sie aus dem Haus, als er davon erfährt. Sie ist nicht mehr seine Tochter.
Mari, die nun schwanger ist, folgt Johannes nach Ostpreußen, wo seine Eltern auf einem Gutshof arbeiten. Die beiden heiraten, aber Johannes muß nach Rußland. Sie bringt dort ihre Tochter Suvinna zur Welt - Lisas Mutter. 1945 rückt die russische Front immer näher, und Mari, ihre Tochter und die Schwiegereltern wollen nun Ostpreußen verlassen. Bei einem Fliegerangriff auf den Bahnhof werden ihre Schwiegereltern getötet, Suvinna geht verloren. Mari glaubt, daß auch sie tot ist, und schlägt sich alleine nach Norwegen durch.
Die inzwischen vierjährige Suvinna wird gerettet und wird in Heidelberg adoptiert. Sie hat keine Erinnerung an ihre Herkunft und wächst als Deutsche auf. Aber es ist ihr nicht möglich, einen dauerhaften Ort als Heimat zu finden. Da ihr Gatte Diplomat ist, muß sie das auch nicht.
Fazit: Christine Kabus behandelt in ihrem Erstling ein dunkles Kapitel der norwegischen Geschichte: die deutsche Besetzung 1940-45. Nun war sie zwar für beide Seiten relativ erträglich - verglichen etwa mit Polen -, denn die Norweger galten als arische Rasse. Verbindungen zwischen deutschen Soldaten und norwegischen Mädchen wurden von deutscher Seite gerne gesehen und gefördert. Von norwegischer allerdings nicht, und nach Ende des Krieges müssen die Mütter und ihre "Deutschenkinder" (tyskebarn) schreckliche Zeiten durchmachen. Die Kinder werden in Heime gesteckt, ihren Müttern weggenommen und zu Pflegefamilien gegeben - das wohl dunkelste Kapitel in Norwegens Geschichte. Eine sehr bedrückende Schilderung dieser Zeit gibt Melitta BREZNIK in Nordlicht.
Aber die Autorin streift dieses Kapitel nur in Nebensätzen - ebenso wie die Geschichte der Unterdrückung der Samen. Vielleicht, weil Mari ja nur indirekt betroffen war: sie war zwar vom elterlichen Hof verbannt, aber sie hatte nach ihrer Rückkehr ja kein Kind von einem Deutschen.
Dies ist wohl der größte Schwachpunkt dieses gut zu lesenden Romans: alle negativen und bedrohlichen Ereignissen verschwinden hinter einem Schleier, werden weichgewaschen, lösen sich irgendwie wieder auf. Eine positive Grundhalten ist gut, aber man hätte sich etwas mehr Dramatik gewünscht.

Mari war hin- und hergerissen. Einerseits konnte sie den Unmut ihrer Landsleute über die Besatzer gut verstehen. ... Andererseit sah sie unwillkürlich Joachim vor sich, wenn Finn von den Aktionen erzählte, mit denen man den Deutschen zu verstehen gab, was man von ihnen hielt. Die Vorstellung, er könnte in so eine Situation geraten, gab ihr einen Stich. Was konnte ein einfacher Soldat wie Joachim dafür, dass man ihn hierher geschickt hatte?

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