LeseTipp: Doris GERCKE, Der Tod ist in der Stadt.

Hamburg/Krimi/

 Doris GERCKE: Der Tod ist in der Stadt. Doris GERCKE: Der Tod ist in der Stadt.
267 S, ISBN: 3-455-02294-4
Hamburg: Hoffmann und Campe, 1998

Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Ein Krimi auf drei Ebenen, eine Geschichte aus drei Perspektiven:
In der ersten Ebene lesen wir die Tagebuchaufzeichnungen des Mörders. Er schildert seine Morde an Frauen, gibt eine Art von Begründung, warum er sie ermordern mußte. Man spürt seine Wahnvorstellungen, wie er sich erdrückt fühlt in seiner Wohnung und jeder Mord ein Befreiungsschlag ist, mit dem er sich wieder leicht fühlt. Er ist ein sehr großer, massiger Mann, und vermutlich sehr unattraktiv. Wir haben auch teil an seinen Gewaltphantasien, denn nur durch Gewalt gegen Frauen kann er Befriedigung erlangen. Eine in sich geschlossene und doch völlig abstruse Welt.
Auf der zweiten Ebene begegnen wir Volkmar von Thun, Psychologe, Lehrbeauftragter an der Universität. Unabhängigkeit, Karriere und die Bewunderung junger Frauen sind seine Lebensprinzipien. Die Patientinnen in seiner Praxis langweilen ihn mit ihren banalen Problemen. Eine der Patientinnen, natürlich verheiratet, ist seine Geliebte. Da läuft ihm Ina über den Weg, eine Studentin aus einer seiner Vorlesungen. Aber Ina hat eigene Pläne, in denen Thun eine fördernde Rolle spielen soll. Thun wohnt seit kurzem in einer Dachgeschoßwohnung in einem schön renovierten Haus, und bald fällt Ina der Mann in der Wohnung gegenüber auf. Nie brennt Licht in seiner Wohnung, und doch hat sie den Eindruck, daß er sie im Dunkeln stets beobachtet. Sie galubt, in ihm einen Massenmörder zu erkennen (und es handelt sich ja um den Mörder aus Ebene eins), und will mit seiner Entlarvung berühmt werden.
In der dritten Ebene agiert der Kriminialkommissar Brunner, schwerer Alkoholiker, aber trotzdem ein sehr fähiger Polizist. Als in dem Haus eine Frau verschwindet, verdächtigt er von Anfang an den Mörder, kann ihm jedoch nichts beweisen. Brunners Privatleben ist schwierig. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter wurde mit dreizehn vergewaltigt und spricht seither nicht mehr, reagiert aber und teilt sich schriftlich mit.
Bei dem Mörder, Thun, Ina und Brunner stehen nicht die Handlungen im Vordergrund, sondern die Überlegungen, die zu diesen Handlungen führen. Soweit diese möglich ist, nehmen wir als Leser an ihrem Innenleben teil.
Fazit: ein außergewöhnlicher, verstörender und fesselnder Krimi aus der Innensicht seiner Protagonisten.

Meine Träume verändern sich. Seit ich in dieser Wohnung lebe, zwei Zimmer, Küche, Toilette, die Zimmer liegen hintereinander, das Durchgangszimmer hat nur ein einziges schmales Fenster in einer Nische, sind sie gewalttätiger geworden. Tagsüber denke ich darüber nach, wer dafür verantwortlich zu machen wäre, daß ich gezwungen war, meine Dachwohnung, die kleine Terrasse, das Marmorbad, alles, was mir so gut gefiel, aufzugeben. Ich erkenne immer deutlicher, daß der Polizist und die Frau von gegenüber mein Leben in dem schönen alten Haus beendet haben. Was mich dann erfüllt, sind Gefühle der Rache. Rache ist ein Gefühl, das mir bisher eher fremd war. Lust, ja, von Lust könnte ich sprechen. Auch von Mordlust. [...] Beim Nachdenken komme ich nun darauf, daß allen diesen weiblichen Opfern irgend etwas gemeinsam gewesen sein muß. Irgend etwas, das mir Lust gemacht hat, gerade sie und keine anderen auszuwählen. Noch weiß ich nicht, was es war. An einem bestimmten Punkt bleiben meine Gedanken nicht mehr klar.

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