Khaled HOSSEINI, Drachenläufer.

Afghanistan/Roman/

 Khaled HOSSEINI: Drachenläufer.
Khaled HOSSEINI: Drachenläufer.   Neu 
(The kite runner., 2003)
385 S., ISBN: 978-3-8333-0149-0
TB 0149
Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2008
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Kabul war eine wunderschöne Stadt.
Khaled HOSSEINI legt seinen Roman in drei Teilen an. Der erste Teil spielt zwischen 1963 und 1979, als Amir und Hassan, der Sohn des Hazara-Dieners Ali, gemeinsam im Haus von Amirs Vater aufwachsen. Obwohl sie viel miteinander unternehmen, bleibt zwischen ihnen die Kluft der ethnischen und sozialen Zugehörigkeit. Amin nennt Hassan nicht seinen Freund, und wenn andere Kinder zu Besuch sind, darf Hassan nicht mitspielen. Beide haben ihre Mutter verloren. Amirs Mutter starb bei seiner Geburt, und Amir glaubt zeitweise, daß sein Vater ihm die Schuld dafür gibt. Hassans Mutter hat ihn fünf Tage nach seiner Geburt verlassen. Und Amir galubt manchmal, daß sein Vater Hassan lieber hat, und ist eifersüchtig. Ihre Beziehung zerbricht, als Amir Hassan in einer bedrohlichen Situation mit anderen Jungen nicht beisteht, sondern ihn im Stich lässt. Aber er kann sein Versagen nicht vor sich selbst eingestehen und tut alles, um Hassan aus dem Haus zu vertreiben.
Im zweiten Teil leben Amir und sein Vater in den USA. Sie mußten Afghanistan nach dem Einmarsch der Sowjetunion auf abenteuerliche Weise verlassen und finden in Fremont (CAL) Zuflucht. Amirs Vater, der in Kabul ein reicher und geachteter Händler war, schlägt sich mit einem Job bei einer Tankstelle irgendwie durch. Der Verkauf auf einem Trödlermarkt bringt etwas zusätzliches Einkommen, sodaß Amir studieren kann. Er wird Schriftsteller werden, sein Jugendtraum. Am Trödlermarkt lernt er seine zukünftige Frau Soraya kennen, Tochter von General Taheri, der sich auch so durchschlagen muß. Die Beziehung zwischen Amir und seinem Vater wird enger, vermutlich auch, weil die Konkurrenz Hassan nicht mehr da ist.
Im dritten Teil setzt sich ein enger Freund seines verstorbenen Vaters mit Amir in Verbindung und meint, er könnte sein damaliges Versagen, an dem er noch immer leidet, ausgleichen. Hassans Sohn ist in Kabul in einem Waisenhaus, da seine Eltern verstorben sind. Und Amir, inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller, will ihn dort herausholen und nach Amerika mitnehmen. 2001, vor dem Einmarsch der NATO-Truppen und noch während der Herrschaft der Taliban, ein gefährliches, eigentlich aussichtsloses Unterfangen.
Er spuckte aus und deutete auf einen alten in Lumpen gekleideten Mann, der mit einem großen Sack voller Gras über einen Trampelpfad schlurfte. »Das ist das wahre Afghanistan, Aga Sahib. Das Afghanistan, wie ich es kenne. Du? Du bist hier immer nur Tourist gewesen. Du wusstest es nur nicht.«
Der erste Teil ist für jemanden, der teilweise seine Jugend in Kabul verbracht hat, eine schöne Erinnerung: die blaue Moschee, das Park-Cinema; Share-Nau, der Drachenwettbewerb, der allerdings eher im Herbst stattgefunden hat.
Aber das war noch nicht alles. Der wirkliche Spaß begann erst, wenn die Schnur eines Drachens durchtrennt war. Dann kamen die Drachenläufer ins Spiel, die Kinder, die dem windzerzausten Drachen hinterher jagten, bis er in einer Spirale auf einem Feld herunterkam, in jemandes Garten fiel, in einem Baumwipfel oder auf einem Dach landete. Die Jagd wurde ziemlich erbittert geführt - Horden von Drachenläufern schwärmten durch die Straßen, drängten sich schubsend aneinander vorbei ... Und wenn ein Drachenläufer einmal einen Drachen in den Händen hielt, konnte ihm den niemand mehr streitig machen. Das war keine Regel. So war der Brauch.
Der begehrteste Preis für einen Drachenläufer war der letzte abgestürzte Drachen eines Winterturniers.

Das ist fast mehr Erlebnisbericht als Roman. Der zweite Teil in den USA wirkt authentisch und glaubwürdig in der Schilderung der Lebensumstände der Afghanen, die zu Flüchtlingen und Migranten geworden sind - egal, welche Position sie vorher innerhatten. Der dritte Teil ist ein Abenteuerroman von geringem Realitätsgehalt, in seinem Ablauf und Umständen äußerst unwahrscheinlich.
Fazit: Mit dem dritten Teil seines Romans untergräbt Khaled HOSSEINI das ansprechende und positive Bild der beiden anderen Teile. Er beruht offensichtlich auf Schilderungen aus zweiter und dritter Hand, der Autor war eindeutig zu dieser Zeit nicht selbst in Afghanistan. Er ist realitätsfern, larmoyant und in seiner Motivation nicht nachvollziebar. Und eigentlich überflüssig. Schade!

Dein Vater war hin- und hergerissen, hatte Rahim Khan in seinem Brief geschrieben. Zwischen mir, dem gesellschaftlich anerkannten, legitimen Nachfolger und ahnungslosen Erben seiner Schuld auf der einen und Hassan auf der anderen Seite, jenem Teil von ihm, der, wenngleich ohne Privilegien und Ansehen, all das geerbt hatte, was an Baba rein und edel gewesen war. Möglich, dass Baba im tiefsten Grunde seines Herzens nicht mich, sondern ihn für seinen wahren Sohn gehalten hatte.

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