Buchtipp : Gerhard REKEL, Monsieur Orient-Express. (Rezension)

Gerhard REKEL, Monsieur Orient-Express.

Reisen/Eisenbahn/

 Gerhard REKEL: Monsieur Orient-Express.
Gerhard REKEL: Monsieur Orient-Express. Wie es Georges Nagelmackers gelang, Welten zu verbinden.
288 Seiten, ISBN: 978-3-218-01305-5
Wien: Kremayr & Scheriau, 2022
Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Ein Denkmal für einen Mann, der die Eisenbahn liebte. Und das europäische Bahnnetz neu gestaltete.
Das europäische Bahnnetz des 19. Jahrhunderts war ein Fleckerlteppich, sowohl von den Strecken als auch von den Betreibern. Auf der Strecke Ostende-Wien etwa mußten die Reisenden acht Mal die Bahngesellschaft und damit den Zug wechseln und oft schikanöse Grenzkontrollen über sich ergehen lassen.
Der belgische Ingenieur Georges Nagelmackers hatte die Vision, durchgehende Zugsfahrten in einem Schlafwagen anzubieten, so wie er es auf seiner Reise durch die USA kennengelernt hatte. Allerdings mit mehr Luxus und Komfort. Der Waggon sollte einfach an die wechselnden Züge angehängt werden können.
Diese Vision umzusetzen erwies sich als eine kaum bewältigbare Herausforderung. Die einzelnen Bahnbetreiber hatten unterschiedliche technische Anforderungen. Es mußten Geldgeber überzeugt werden, daß das Reisen mit Komfort in einem Schlafwagen die Zukunft sein und Wohlhabende anlocken würde. Es mußten die politischen Eitelkeiten, aber auch das Mißtrauen zwischen den Herrschenden überwunden werden. Europa war noch keineswegs befriedet. Und Epidemien wie die immer wieder ausbrechende Cholera ließen die Pläne einfrieren.
Auch Georges Vater Edmond Nagelmackers, der ein Bankhaus besaß, traute den Visionen seines Sohnes nicht, gab ihm kein Geld und unterstützte ihn auch nicht bei der Gewinnung anderer Finanziers. Aber Georges ließ sich nicht beirren. Ging es nicht direkt, dann eben auf Umwegen. Er entwickelte die Methode Nagelmackers: Um seine Projekte den Meinungsmachern aus Politik, Wirtschaft und Presse nahezubringen, veranstaltete er mit seiner Frau Marguerite fast monatlich mehrtägige Feste, etwa zur Einweihung neuer Hotels oder Bahnverbindungen. Dabei scheute Georges keine Kosten.
Schließlich gelang es ihm, seine Schlafwagen durch Europa rollen zu lassen. Aber das war nicht das Ende seiner Vorstellungen. Er wollte mit seiner Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) ganze Züge mit Schlaf- und Speisewagen, ausgestattet mit höchstem Komfort, durch Europa eilen lassen. Und für seinen ersten Luxuszug suchte er sich 1883 eine besonders herausfordernde Strecke aus, die allerdings den Zug unsterblich machen sollte: von Paris über Müchen, Wien, Budapest nach Konstantinopel - der Orient-Express. Die Beschreibung dieser aufregenden Jungfernfahrt, die trotz all ihrer Schwierigkeiten und Verzögerungen nur 77 Stunden dauerte, bildet einen Kern des Buches.
Die Erfindung des wohl bekanntesten Zuges der Welt war das Meisterstück von Georges Nagelmackers, für das er den Titel Monsieur Orient-Express erhielt. Agatha Christie, F. Scott Fitzgerald, Graham Greene und viele Filmemacher machten ihn zum Mythos. Aber der Höhepunkt der Karriere Nagelmackers läutete auch sein Ende ein.
1896 verfügte die Compagnie über 459 Waggons, die ein Streckennetz von über 76.000 Kilometern bedienten - fast zweimal um die Welt. Der Betrieb der Speisewagen war durch Diebstähle und Fehlabrechnungen defizitär und wurde ausgegliedert. Die in vielen Städten errichteten Grand-Hotels, die den Reisenden nach der Luxuszugfahrt entsprechende Unterkunft bieten sollten, litten teilweise unter geringer Auslastung.
Nach der Weltausstellung von 1900, bei der Georges noch einmal groß aufgespielt hatte, war die Gesellschaft praktisch Pleite und brauchte dringend neue Geldgeber, die sich aber nicht leicht finden ließen. Das Firmen-Konglomerat aus Zugverbindungen, Luxushotels, Werkstätten und Agenturen ließ sich nicht mehr gewinnbringend steuern. Es war zu groß und unüberschaubar geworden. Am Ende funktionierte die Methode Nagelmackers nicht mehr.
Obwohl Georges bis heute als Organisator des modernen, internationalen Eisenbahnwesens gilt, der mit der Einführung der Schlaf- und Speisewagen wesentlich zum Zusammenrücken der europäischen Nationen beigetragen hat, konnte er den Erfolg in den letzten Jahren seines Lebens kaum genießen, denn gesundheitlich ging es ihm immer schlechter.
Fazit: Die fulminante Biografie von Gerhard REKEL über Georges Nagelmackers, den im deutschsprachigen Raum wohl eher weniger bekannten Erfinder des Orient-Express, ist weniger eine Darstellung seiner Person als eine Beschreibung der von ihm verursachten Entwicklung des europäischen Bahnwesens. Es ist ein Denkmal für einen Menschen, der unbeirrt seinen Weg gegangen ist und sein Ziel nicht aus den Augen verloren hat. Besonders hervorzuheben ist die spannende Beschreibung der Jungfernfahrt des Orient-Express, die fast schon ein eigenes Buch bildet.
Ergänzt wird das Buch mit einer umfangreichen Leseliste (in der die Bücher von Agatha Christie und Graham Greene nur mit ihrem englischen Titel angeführt sind, ohne Erwähnung der Übersetzungen). 589 Anmerkungen, die im wesentlichen Belegstellen sind, erscheinen für ein Sachbuch etwas ausufernd.
Gesamturteil: Unbedingt lesen!

Auch wenn Georges Nagelmackers’ Traum, die Metropolen der Welt mit Nachtzügen zu verbinden, wirtschaftlich nahezu gescheitert wäre, lebt mit dem Orient-Express seine erfolgreichste Verbindung in unseren Köpfen weiter. Der »König der Züge« hat Politiker, Spione, Schmuggler und Künstler vom Okzident in den Orient gebracht. Agatha Christie, F. Scott Fitzgerald, Graham Greene und viele Filmemacher inspirierte der berühmteste aller Züge zu ihren Werken.

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