Åsne SEIERSTAD, Der Buchhändler aus Kabul.

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 Åsne SEIERSTAD: Der Buchhändler aus Kabul.
Åsne SEIERSTAD: Der Buchhändler aus Kabul. Eine Familiengeschichte.   Neu 
(Bokhandleren i Kabul., 2003)
301 S., ISBN: 978-3-548-60430-5
TB 60430
Berlin: List Taschenbuch Verlag, 2008
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Der Wert einer Braut liegt in ihrer Jungfernhaut, der einer Frau in der Zahl ihrer Söhne.
Sultan Khan ist Buchhändler in Kabul. Belesen in afghanischer Kultur und Geschichte, aber nicht gebildet in einem klassischen Sinn. Der Wert von Bildung, die über eine Grundausbildung hinausgeht, erschließt sich ihm nicht. Seine vier Söhne sollen für ihr arbeiten und damit auch zu Buchhändlern werden.
Er ist zwar ein moderater Moslem, hat aber trotzdem zwei Frauen: die etwa 50-jährige Sharifa und neu die 16-jährige Sonya. Die Frauen, die Söhne und andere Familienmitglieder wohnen in einer Drei-Zimmer-Wohnung in einem unter der kommunistischen Herrschaft errichteten Plattenbau in einem neuen Viertel am Rande Kabuls und gehören zur afghanischen Mittelschicht.
Sultan überlebt die verschiedenen Regime - die Republik unter Daud, die kommunistische Herrschaft, die Besetzung durch die Sowjetunion, die Mudschahedin, die Taliban - mit Glück, kann auch seine Buchhandlungen weiter führen. Zwei Mal wird er verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Seine Bücher, die Abbildungen von Lebewesen enthalten, verbrennen die Taliban.
Sultan unternimmt Auslandsreisen nach Pakistan und in den Iran, um Bücher für seine Buchhnadlungen zu kaufen, vorwiegend Raubdrucke (in Pakistan gibt es wohl kein copyright). Außerdem lässt er Ansichtskarten nachdrucken, die bei den ausländischen Soldaten - es ist das Jahr 2001 - sehr beliebt sind. Er ist der unumschränkte Herrscher der Familie, Widerspruch ist undenkbar, die Wünsche oder Träume der anderen zählen nicht. Seine Tochter Leila, die gerne als Englischlehrerin arbeiten würde, hat keine Chance. Aber auch die Söhne wagen kein Widerwort.
Nachdrücklich zeigt sich in den Schilderungen, daß auch in der afghanischen Mittelschicht kein Bewußtsein für die Aufklärung vorhanden ist, kein Verständnis für einen Rechtsstaat, keine Vorstellung von einer Gleichstellung der Geschlechter oder daß Frauen eigenständige Personen sein könnten. Man bekommt den Eindruck, daß Sultan Khans Abneigung gegen die Taliban vor allem auf deren fehlenden Kulturbewußtsein, dem Verbrennen seiner Bücher mit Abbildungen von Lebewesen und ihrer wirtschaftlichen Ahnungslosikeit beruht. Das Wegsperren der Frauen war für ihn kein Thema.
Fazit: Durch ihre Position als ausländische Frau hat Åsne SEIERSTAD Zugang sowohl zur weiblichen als auch zu männlichen Welt Afghanistans. Sie wohnt fünf Monate bei der Familie und gewinnt Einblick in das Alltagsleben. Ihre Schilderung des Lebens der Frauen, von dem es kaum Beschreibungen gibt, ist zutiefst berührend und erschütternd. Sie existieren nicht wirklich, werden nicht wahrgenommen, haben keine Meinung zu haben:
Karim nutzt die Wartezeit gut. Einmal bleibt er sogar mit Leila allein, als Sharifa sich an einem Tisch mit einer langen Schlange nach etwas erkundigen will.
»Wie lautet deine Antwort?«, will er wissen.
»Du weißt, dass ich dir keine geben kann«, erwidert sie.
»Aber was willst du?«
»Du weißt, dass ich keinen Willen haben darf.«
»Aber magst du mich?«
»Du weißt, dass ich dazu keine Meinung haben darf.«
»Sagst du ja, wenn ich um deine Hand anhalte?«
»Du weißt, dass nicht ich die Antwort gebe.«
»Willst du mich wiedersehen?«
»Das kann ich nicht.«
»Warum kannst du nicht ein bisschen nett sein? Magst du mich nicht?«
»Meine Familie entscheidet, ob ich dich mag oder nicht.«

Die Sehnsucht einer Frau nach Liebe ist in Afghanistan tabu. Sowohl die strengen Ehrbegriffe des Clans als auch die Mullahs verbieten sie. Junge Menschen haben nicht das Recht, sich zu treffen, zu lieben und zu entscheiden. Liebe hat wenig mit Romantik zu tun. Ganz im Gegenteil, sie kann ein schweres Verbrechen darstellen, das mit dem Tode bestraft wird. Die Undisziplinierten werden kaltblütig ermordet. Falls nur einer der beiden mit dem Tode bestraft wird, dann trifft es in jedem Fall die Frau.
Bei jungen Frauen handelt es sich vor allem um Tauschobjekte und Handelsware.

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