Buchtipp : Dirk KURBJUWEIT, Kriegsbraut. (Rezension)

Dirk KURBJUWEIT, Kriegsbraut.

Afghanistan/Roman/

 Dirk KURBJUWEIT: Kriegsbraut.
Dirk KURBJUWEIT: Kriegsbraut..   Neu 
332 S, ISBN: 978-3-87134-661-3
Berlin: Rowohlt Berlin, 2011
Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Ein deutsch-deutsches Leben.
Esther wächst in einem kleinen Ort auf Rügen auf, wo ihr Vater Leiter der landwirtschaftlichen Genossenschaft ist. Mit dem Ende der DDR verliert er diesen Posten und muß sich irgendwie durchschlagen. Zur Bundesrepublik wird er nie ein positives Verhältnis haben.
Esther flieht nach einer siebenjährigen Beziehung aus dieser Enge nach Berlin. Sie hat verschiedene Jobs und Männerbekanntschaften, findet aber keinen Halt in ihrem Leben. Schließlich meldet sie sich freiwillig zur Bundeswehr und macht eine Ausbildung zum Offizier. Hier findet sie erstmals sichere Strukturen und eine Leitlinie für ihr Leben.
Sie meldet sich für einen Einsatz in Afghanistan. Aber das Land erweist sich als heiß und staubig, der Dienst im Stützpunkt in Kunduz ist langweilige Routine.
Die Bundeswehr will sich in Afghanistan ja als unterstützende Kraft beim Aufbau einer Zivilgesellschaft und eines modernen Staates sehen. Deshalb sichert sie eine etwa zwei Fahrstunden vom Stützpunkt entfernte kleine Dorfschule für Mädchen. Zwei Mal in der Woche kommen vier Personen aus dem Stützpunkt vorbei und reden mit dem Schulleiter. Der kann nur Russisch, und als der bisherige Verbindungsoffizier ausfällt, meldet sich Esther, die ja in der DDR Russisch gelernt hat. Sie ist inzwischen Leutnant und befehligt daher den Trupp.
Die Fahrten verlaufen meist ereignislos, denn 2003 ist Afghanistan für die NATO-Truppen noch nicht so gefährlich, werden sie nicht in erster Linie als Besatzer und Feinde gesehen. Trotzdem ist Vorsicht unerlässlich, es gibt schon Sprengfallen. Und die Fahrt in das abgelegene Dorf ist immer eine Herausforderung.
Zwischen dem Schulleiter und Esther entsteht eine Art Beziehung. Zuerst hatte er sie nie angesehen, wenn er mit ihr redete. Aber im Laufe der Monate verändert sich diese Beziehung, wird persönlicher. Und schließlich tanzen die beiden sogar miteinander. Denn der Schulleiter ist unter der russischen Besatzung in Kabul ausgebildet worden und hat dort das freiere Leben, die offenere Gesellschaft kennengelernt.
Schleichend beginnt sich die Lage zu verschlechtern. Im Dorf hängen Zettel, auf denen die Bewohner aufgefordert werden, die Mädchen nicht mehr zur Schule zu schicken. Esther will die Mädchen in die Schule holen und so zeigen, daß sie unter dem Schutz der Deutschen stehen.
«Ich kann Ihnen sagen, wie die Väter reagieren werden: Die einen sagen nichts, sie machen nicht einmal auf. Die anderen sagen: Gut, jetzt beschützen Sie uns, aber um zwei Uhr verschwinden Sie wieder, weil Sie an jedem Tag um zwei Uhr verschwinden. Es gibt eine große Staubfahne, und Sie sind weg, ganz und gar weg, und dann kommt die Nacht, und die Nacht gehört denen, die sich am Tag nicht zeigen. Die haben dann die ganze Macht. Was antworten Sie darauf?»
Aber die Deutschen können nicht einmal sich selbst wirksam schützen. Das Lager wird mit Raketen beschossen. Der Trupp mit Esther wird auf dem Rückweg von der Schule von einem Gehöft aus angegriffen. Und die Beziehung zwischen Esther und Mehsud, dem Schulleiter, bleibt hängen.
Villeicht ist diese Beziehung als Parabell zu lesen. Der Versuch zweier Menschen aus völlig unterschiedlichen Zivilisationen, einander näher zu kommen. Und der letztlich vergebliche Versuch Deutschlands, Afghanistan näher zu kommen und nicht als Gegener wahrgenommen zu werden. Seit den 1920er-Jahren gibt es ein starkes Engagement Deutschlands in Afghanistan. Aber in diesem Krieg war am Ende kein Brückenbau möglich.
Fazit: Fragwürdig bleibt, warum sich Dirk KURBJUWEIT eine weibliche Sicht auf das deutsche Engagement in Afghanistan aneignen mußte. Wenn Männer Frauen, ihr Denken und ihre Handlungen zu erfassen versuchen, bleibt doch immer nur ein männliches Wunschbild zurück. Eine Autorin wäre hier vielleicht interessanter.

Esther musste noch zwei Tage warten, dann durfte sie wieder fahren. Sie sah diese Landschaft nun anders, sie kam ihr noch schroffer, karger, feindseliger vor. Und die Menschen waren ihr verdächtiger denn je. In jedem Gesicht am Straßenrand glaubte sie die Bereitschaft zu entdecken, eine Rakete auf deutsche Soldaten zu schießen. Die taten doch nur harmlos. Es war diesig heute, die Sonne sah aus wie ein Spiegelei, ein gelber, leuchtender Kreis, ringsum blasses Weiß.

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