
253 S, ISBN: 978-3-7017-3205-0
St. Pölten-Salzburg: Residenz-Verlag, 2010
Bewertung
Rezension
Ulrich Ladurner versucht, sich der afghanischen Realität auf zwei Wegen anzunähern:
Zum einen sieht er Afghanistan als Spielball der Großmächte, von der Auseinandersetzung England-Rußland über den Konflikt Sowjetunion-USA bis zur heutigen geostrategischen Situation: USA-Europa-Rußland-Indien-Pakistan-Iran. Fremde Heere kamen und mußten sich geschlagen wieder zurückziehen. Sie blieben an der Oberfläche, das Land und die Menschen konnten sie nie erreichen. Und auch die NATO wird hier scheitern, denn sie kommt zwar mit den großen Versprechungen von Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden. Aber diese haben keinen Bezug zum Leben der Menschen, erreichen sie nicht, denn die in den Jahrzehnten der kriegerischen Auseinandersetzungen gewachsenen Strukturen der Herrschaft bleiben unverändert.
Zum anderen will Ladurner das Land über den direkten Kontakt zu den Menschen erfahren und verstehen lernen. Er spricht mit den Vertretern des Staates (Gouverneuren, Richtern, Polizisten, Abgeordneten). Und sofern er sie überhaupt antrifft, sind es formelhafte, inhaltsleere Gespräche. Nur bei den einfachen Menschen kann er Wahrheit und Echtheit finden. Viele von ihnen haben an die Versprechungen der fremden Herren geglaubt - und sind doch nur wieder enttäuscht worden, weil nichts davon eingehalten wurde. Und er versteht auch das Wiedererstarken der Taliban. Diese hatten klare Regeln und eine rudimentäre Form der Gerechtigkeit. Und sie kämpfen gegen die Fremdherrschaft und für dieses Land. Das andere Afghanistan aber versinkt in dem Strudel aus Korruption, Warlords, alten Claninteressen und Herrschaftsansprüchen.
Fazit: In seinem historischen Bogen gelegentlich ungenau beschreibt Ladurner sehr eindringlich und erschütternd die Situation der einfachen Menschen. Aber auch er kann Afghanistan nicht wirklich erfassen und bleibt oft verwirrt zurück.
Nach und nach wurde die Erschöpfung der Menschen spürbar. Es war förmlich zu hören, wie sie "Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr" vor sich hinflüsterten, während sie warteten und warteten, auf einen Richter, einen Anwalt, einen Staatsanwalt, einen Politiker, auf jemanden, der sie anhörte und ihnen eine Chance gab, ihr Recht zu bekommen. Das Versprechen auf Rechtsstaat und Demokratie, das der Westen abgegeben hatte, als er intervenierte, stieß zunehmend auf taube Ohren, doch die Sehnsucht nach Gerechtigkeit war unstillbar.