
(Imperium., 2006)
475 S, ISBN: 978-3-453-26538-7
München: Heyne, 2006
Bewertung
Rezension
Marcus Tullius Cicero strebt nach dem Konsulat.
Cicero ist ein junger Anwalt aus der Provinz. In Rom macht er sich mit seiner Redekunst einen Namen und wird in den Senat gewählt. Als Quästor war er in Sizilien tätig. Einige Jahre nach seiner Rückkehr wendet sich ein Sizilianer hilfesuchend an ihn. Er war vom Statthalter Gaius Verres praktisch ausgeraubt worden - und, wie sich bald zeigt, war er nicht der Einzige. Cicero gelingt es, den Fall von Gericht zu bringen. Als Sonderermittler in Sizilien dokumentiert er den ganzen Umfang von Verres Verbrechen und gewinnt den Fall.
Damit wird er in Rom bekannt und kann seine Karriere weiter fortsetzen und erlangt schließlich das Amt des Konsuls.
Robert Harris zeigt die Laufbahn Ciceros durch die Augen seines Sklaven und persönlichen Sekretärs Tiro. Dieser hat eine Form der Kurzschrift erfunden, die es ihm ermöglicht, Reden wortwörtlich mitzuschreiben. Tiro ist eine historische Figur. Wenn auch seine Cicero-Biografie verloren ging, gibt es doch zahlreiche Hinweise auf sie, aus denen auch Harris schöpft. Für Cicero selbst war Tiro tatsächlich unverzichtbar:
Deine Dienste an mir sind nicht zu zählen, im Haus und auf dem Forum, in der Stadt und in der Provinz, in privaten und öffentlichen Belangen, bei meinen Studien und literarischen Arbeiten..." (Brief Ciceros an Tiro, 7. November 50 n.Chr.)
Ungesichtert ist, ob die Dinge tatsächlich so abgelaufen sind - oder nur sein können -, wie Harris sie beschreibt. Die Gerichtsverfahren erinnern doch sehr stark an englische oder amerikanische - was aber auch daran liegen könnte, daß das englische Rechtssystem stärker im römischen Recht verankert ist als das deutsche. Außerdem legt Harris kein wissenschaftliches Werk, sondern einen Roman vor.
Als gesichert lässt sich jedoch die Gier der Herrschenden, der Aristokraten, und die allgegenwärtige Korruption annehmen. Stimmenkauf für die zahlreichen Wahlen ist allgegenwärtig und üblich. Das Machtgleichgewicht Senat - Volk gibt es nur in der Theorie. Denn die Volkstribune, die die Interessen der Bürger vertreten sollten, sind genauso käuflich wie die Senatoren. Alternativen bei den Wahlen gibt es nicht wirklich, da das Volk keinen Einfluß auf die Auswahl der Kandidaten hat. Und die Stimmen werden verkauft. Kurzum - sehr viel anders als heute war die Politik auch damals nicht: Geld schafft Macht.
Fazit: Robert HARRIS, dessen fundiertes Interesse am alten Rom sich schon in seinem Roman "Pompeji" zeigte, zeichnet ein eindrucksvolles Bild des Römischen Imperiums vor dem Untergang der Republik. Denn Caesar ist schon präsent, wenn auch noch eher am Rand. In "Titan", dem zweiten Band dieser Trilogie, der Ciceros Kosulat behandelt, wird Caesars Rolle bedeutender. Natürlich ist der Roman aus der Sicht der oberen Schicht, der auch die Schriftsteller und Chronisten der Zeit angehörten. Somit ist über das Leben des einfachen Volkes praktisch ncihts überliefert. Und die Sklaven waren kein Thema, sondern Inventar. Harris' Sympathie gehört Cicero, somit ist die durchaus kontroverse Diskussion über die Rolle und Bedeutung Ciceros für die römische Republik hier kein Thema. Aber das lässt sich anderorts nachlesen.
Ich schließe die Augen, sehe die Gesichter im goldenen Licht der Spätnachmittagssonne vor mir - Cicero, Crassus, Pompeius, Hortensius, Catulus, Catilina, die Metellus-Brüder - und kann es kaum glauben, dass sie alle, ihre ehrgeizigen Ziele und selbst das Gebäude, in dem sie damals saßen, heute nur noch Staub sind.