Buchtipp : Lyse DOUCET, Hotel Kabul. (Rezension)

Lyse DOUCET, Hotel Kabul.

Afghanistan/Geschichte/

 Lyse DOUCET: Hotel Kabul.
Lyse DOUCET: Hotel Kabul. Das legendäre Intercontinental und die bewegte Geschichte des afghanischen Volkes.   Neu 
(The finest hotel in Kabul., 2025)
478 Seiten, ISBN: 978-3-442-31685-4
München: Goldmann, 2025
Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Das Hotel Intercontinental als Spiegel der neueren afghanischen Geschichte.
1969, noch unter König Zahir Shah, wurde das Hotel Intercontinental Kabul als Afghanistans erstes Fünf-Sterne-Luxushotel eröffnet. Auf einer Anhöhe außerhalb der Stadt gelegen konnte man von hier auf Kabul blicken. Und durch alle Wirren der afghanischen Geschichte blieb es geöffnet und versuchte, seinen Standard zu halten. Auch, als die Verbindung zur internationalen Intercontinental-Kette mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen 1979 gekappt worden war.
Die Republik Afghanistan war nun die Demokratische Republik Afghanistan, geboren aus der Saur-Revolution, der Aprilrevolution. Die neuen Anführer beteuerten inständig, sie seien keine Kommunisten und dass es kein sowjetisch finanzierter Coup gewesen sei. Nicht viele glaubten ihnen, aber schon bald folgten Berichte, dass selbst die Russen erst im Radio davon erfahren hatten.

Es blieb bis heute das Intercontinentli.
Es gab natürlich andere Hotels in Kabul. Das erste international ausgerichtete war das Hotel Kabul in der Innenstadt, dessen Qualität und Gastronomie doch eher bescheiden war. Dann gab es das Spinzar Hotel, das dem gleichnahmigen Baumwollkonzern gehörte und unter tschechischer Führung stand - im Buch nicht einmal erwähnt. Obwohl es sich auch um einen Vier-Sterne-Standard bemühte. Und natürlich gab es jede Menge billiger Unterkünfte, als die Hippie-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre Afghanistan überflutete.
Aber das Interconti blieb einzigartig. Hier wurden Kongresse abgehalten, Hochzeiten (sogar Männer und Frauen gemischt) gefeiert, die exquisiten Restaurants genossen, in die Bars die Nächte durchtanzt. Oder einfach der Tag am Swimmingspool genossen. Immer abhängig von den politischen Ereignissen.
Sogar zu Taliban-Zeiten war und ist das Hotel in Betrieb, wenn auch mit strengen islamischen Auflagen: kein weibliches Personal (außer bei den Sicherheitschecks), keine gemischten Hochzeiten, keine Bars und natürlich kein Alkohol, kein Tanzen, durch einen Sichtschutz getrennte Essbereiche für Männer und Frauen.
Natürlich litt das Hotel auch unter den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen in Kabul: Brand nach einem Raketeneinschlag und zwei Überfälle durch Selbstmordattentäter. Dennoch galt es immer als der sicherste Ort in Kabul.
Möglich wurde dies durch das engagierte Personal, das die afghanische Gastfreundschaft immer spüren ließ.
[Malalai] arbeitete, seit sie zwölf Jahre alt war, nachdem ihre Mutter bei der Geburt ihres vierten Kindes gestorben und ihr Vater krank geworden war. In so jungem Alter, nicht mal ein Teenager, hatte Malalai nicht verstehen können, warum Gott sie so brutal behandelte. Jedoch fand sich in Seinem Plan neben all der Trauer auch Großzügigkeit. Ihre Traurigkeit verwandelte sich recht schnell in eine stählerne Unbeugsamkeit.
Und ihre Ausbildung nach den strengen Vorgaben der Intercontinental-Kette - auch wenn es kein Teil dieser Kette mehr war. Und immer trug es die Hoffnung, die alten Zeiten könnten wieder zurückkommen.
Anhand des Lebensverlaufs ausgewählter Mitarbeiter und ihrer Alltagserlebnisse wird die Geschichte Afghanistans persönlich und eingängig geschildert. Und wird so in etwa vorstellbar und plastisch. Vor allem in der Bürgerkriegszeit, der Auseinandersetzung zwischen dem Pashtunen Gulbuddin Hekmatyar und dem Tadschiken Ahmed Shah Massud, dem Löwen des Panjir, wurde Kabul umfassend zerstört. Und die Menschen waren ständig von Raketen, Bomben und Anschlägen bedroht. Werde ich lebend nach Hause kommen? war ihre tägliche Sorge.
Fazit: Lyse DOUCET, eine BBC-Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin, war zwischen 1988 und 2022 mehrfach in Afghanistan und wohnte im Interconti. In zahlreichen Gesprächen mit dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schält sie eine personifizierte Version der afghanischen Geschichte heraus und macht sie so, losgelöst von abstrakten Beschreibungen, persönlich und erlebbar. Das Leid dieses vergessenen Volkes wird spürbar. Beeindruckend!

Und das Intercontinental Kabul war immer noch das beste und einzige internationale Hotel der Stadt. Es setzte einfach seine Arbeit von einer Saison zur nächsten fort, wie es sich für ein Fünf-Sterne-Hotel gehörte.
Als der Herbst Platz machte für den Winter, zogen die Schweizer und afghanischen Köche jeden Freitag ihre Köpfe ein, während sie ihre wärmenden Büffets servierten. Ein Frühschoppen-Brunch nach österreichischem und deutschem Vorbild. Die Nouruz-Fes-tivitäten zum iranischen Neujahr während der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühjahr 1979 wollten weiterhin für Heiterkeit sorgen, forderten die Kabuler dazu auf, die »Nacht durchzutanzen«. Die Band Esquire Set zog wohlhabende Ausländer und jene Afghanen an, die sich noch trauten, in der Stadt zu bleiben. Dennoch konnte man selbst in der hellen Sonne nicht der dunklen Glocke entfliehen, die über der Stadt hing. Ein Teil der Unbekümmertheit der frühen Jahre des Interconti war verschwunden. Das Hotel hatte zwar nicht seinen Reiz verloren, aber es herrschte eine andere Stimmung.

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