Buchtipp : Steffen KOPETZKY, Damenopfer. (Rezension)

Steffen KOPETZKY, Damenopfer.

Afghanistan/Kommunismus/Biografischer Roman/

 Steffen KOPETZKY: Damenopfer.
Steffen KOPETZKY: Damenopfer.   Neu 
443 Seiten, ISBN: 9783737101516
Reinbeck: Rowohlt, 2023
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Larissa Reissner (1895-1926) ist eine historische Person. Als Marinekommissarin hatte sie Anteil am Bürgerkrieg in Russland und am Sieg der Revolution. Sie war Gesandte der Bolschewiken in Afghanistan. Die Befreiung Britisch-Indiens mit Hilfe der paschtunischen Grenzstämme, die den Niedergang des Britischen Empire auslösen sollte, blieb allerdings ein Traum. Für den es keine Belege gibt.
Getrieben wurde sie von der Idee einer weltumspannenden kommunistischen Revolution. Als Ehefrau des sowjetischen Gesandten in Kabul, des früheren Admirals der Baltischen Flotte Raskolnikow, macht sie im Frühjahr 1923 eine Entdeckung, die sie die nächsten drei Jahre bis zu ihrem Tod umtreiben wird. Es ist eine „bis ins letzte Detail skizzierte Schilderung eines denkbaren, von Afghanistan ausgehenden erfolgreichen Feldzuges gegen Britisch-Indien“, die ihr in einer verlassenen Villa in die Hände fällt. Larissa ist sofort fasziniert, glaubt sie doch, in diesem von einem deutschen Offizier namens Oskar [von] Niedermayer hinterlassenem Konvolut den exakten Plan für die Weltrevolution, von der sie schon immer geträumt hat, vor sich zu haben. Asien und Europa als Eurasien gemeinsam gegen Großbritannien. Ob Reissner und Niedermayer einander tatsächlich begegneten, ist fraglich. Niedermayers Pläne existieren wohl nur in der Fantasie.
Fazit: Steffen KOPETZKY nähert sich der schillernden Persönlichkeit Larissa Reissners in 31 sehr unterschiedlichen Kapiteln. Er verfolgt das in einer durchaus schlüssigen Konzeption, die sich eindeutig auf das Wirken der Hauptfigur als Revolutionärin, deren Pläne und Gedanken die ganze Welt einbezogen, konzentriert. Visionär ist die Schlussszene: Vom „Haus der Presse“, wo der Leichnam Larissa Reissners einige Tage öffentlich aufgebahrt war, bis zur Grablege auf dem Wagankowoer Friedhof bewegt sich eine riesige Menschenmenge durch Moskau, um der Revolutionärin und Dichterin die letzte Ehre zu erweisen. Viele von ihnen werden ein Jahrzehnt später im stalinistischen Terror enden.

Aber wie kann man sich vorstellen, die Planeten zu bereisen und zu beherrschen, wenn es nicht einmal möglich ist, die Verbindung zwischen so etwas Naheliegendem wie den revolutionären Bewegungen von Deutschland und Russland herzustellen? Wenn die Massen - die ja doch da sind - einfach nicht so kritisch dicht zusammenkommen, dass der Funke überspringt? Wenn der revolutionäre Moment, aus welchen Gründen auch immer, verpasst wird? Wie kann man als kleine Mannschaft gegen den Weltimperialismus gewinnen, wenn man solche Chancen vergibt?
Zum ersten Mal seit Dresden und dem plüschigen Desaster im Europäischen Hof spürt Larissa die Kraft, ehrlich über alles nachzudenken. Was hat sie hinter sich gelassen, was hat sie geopfert?

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