
El Conde Neu
(Personas decentes., 2022)
400 Seiten, ISBN: 978-3-293-00621-8
Zürich: Unionsverlag, 2024
Bewertung
Rezension
Der historische Besuch von US-Präsident Obama legt Havanna lahm. Und der berüchtigte Kunst-Zensor Reynado Quevedo wird tot aufgefunden - ermordet? Rache derer, deren Leben er zerstört hatte?
Quevedo war für die Reinhaltung der sozialistischen Kultur
zuständig und verfolgte Schriftsteller und Künstler gnadenlos. Die nicht den Kriterien entsprachen oder keine Denunziaten sein wollten. Er selbst war ein mittelmäßiger Dichter mit einem mittelprächtigen militärischen Dienstgrad. Krank vor Haß und Neid gegen Andersdenkende, Homosexuelle und Lesben. Ihre Werke kassierte er - und hängte sie in seiner feudalen Wohnung auf oder verkaufte sie ins Ausland. Sein Mörder schnitt ihm den Penis und drei Finger ab, was sehr auf Rache schließen lässt.
Die Polizei ist wegen des Obama-Besuchs und dem Konzert der Rolling Stones hoffnungslos überfordert. Daher bittet Teniente Coronel Manuel Palacios seinen ehemaligen Kollegen um Hilfe. Der 60-jährige Conde hat den Polizeidienst vor 20 Jahren quitiert. Und er hat keine Lust, wieder in diese Rolle zu schlüpfen. Außerdem hat er einen festen Job bei seinem Freund Yoyi. Er soll in dessen exklusiver und teurer Bar die Gäste im Auge behalten. Und Tamara, seine ewige Geliebte, will ihn auch gelegentlich sehen, bevor sie zu ihrem Enkel nach Italien reist. Eine Reise ohne Widerkehr?
Aber schließlich läßt sich Conde doch überreden. Seine alten Polizeiinstinkte treiben ihn an. Und dann passiert ein zweiter Mord: Quevedos Schwiegersohn, der mittlerweile in den USA lebt und US-Staatsbürger ist. Was zu Druck durch die amerkanischen Botschaft und das FBI führt. Und dann ist da noch die undurchsichtige Haushälterin Quevedos.
Conde ist aber auch noch schriftstellerisch tätig, wenn auch ohne großen Erfolg. Er bringt einfach keine Geschichte zum Ende. Hier befasst er sich mit einer cubanischen Legende, Alberto Yarini. Er war ein aufstrebender junger Mann aus reichem Haus, der in die Politik gehen wollte. Aber gleichzeitig ein bedeutender Zuhälter und Bordellbetreiber im Rotlichtbezirk Havannas zu Beginn des 20. Jahrhunderts war - zu dieser Zeit kein Widerspruch. Cuba hat gerade die Unabhängigkeit von Spanien erkämpft. Aber die USA wollen diese Souveränität nicht so ganz anerkennen und behalten ihren Einfluss. Und die Kubaner selbst scheinen nicht in der Lage zu sein, Korruption und Vetternwirtschaft zu überwinden. Aber - auch wenn es nicht so scheint - gibt es eben auch anständige Leute...
Fazit: Dieser Roman von Leonardo PADURA kritisiert Cuba am bisher schärfsten. Auch wenn er früher schon Kritik am Scheitern der Revolution und ihrer Träume geübt hat. Nimmt er doch diesmal nicht nur das gegenwärtige Cuba in den Blick, sondern schaut auch auf die Vergangenheit. Und findet dort die Grundlagen dessen, was Cuba ausmacht. Ja, es gibt anständige Leute - aber viel zu melden hatten sie nie. Frustrierend für den Leser, der an Cuba glaubte - aber erhellend.
Mario Conde, der eingefleischte Pessimist, verfügte womöglich über ein zu umfangreiches historisches Wissen und war, was manche Dinge anging, so oder so von unheilbarem Misstrauen erfüllt, jedenfalls hatte er das Gefühl, sein Land genieße gerade lediglich eine kurze Verschnaufpause, nach deren Ende sich die Härte wiedereinstellen würde, die mehr als fünfzig Jahre seines Lebens geprägt hatte. Die Wirklichkeit und die Erfahrung hatten ihn gelehrt, dass es letztlich immer schlecht ausging, wenn man es mit denen da oben zu tun bekam, was, auf die aktuelle Situation bezogen, bedeutete, dass es einfach zu viele Kräfte gab, denen an der Aufrechterhaltung der Spannungen gelegen war, und zu wenige mit tatsächlicher Macht ausgestattete, die eine Entspannung befürworteten. Eine Entspannung, an der auch die Regierung der Insel keinen allzu großen Gefallen zu finden schien, würden doch ein wirtschaftlicher Aufschwung und die damit einhergehende schwindende Abhängigkeit der Menschen vom allmächtigen Staat eine ganz andere Art der Entspannung bewirken — eine Lockerung der bisherigen, sämtliche Lebensbereiche umfassenden Kontrolle. Weshalb Conde weder Begeisterung noch besondere Hoffnung verspürte. Vieles war verhandelbar, eins jedoch auf keinen Fall: die Kontrolle, der bis auf den heutigen Tag am besten funktionierende Wirtschaftszweig des Landes.