
286 Seiten, ISBN: 978-3-89438-793-8
München: PapyRossa Verlag, 2023
Bewertung
Rezension
Am 27. April 1978 putschte die Demokratische Volkspartei Afghanistan (DVPA) und stürzte den ehemaligen Premierminister und späteren Staatspräsidenten Mohammad Daud. Mohammad Taraki wird Präsident und Afghanistan «Demokratische Republik». Eine sozialistische Revolution - und der Beginn von bisher fast 50 Jahren Krieg. In ihren Reformbemühungen machte sie zahlreiche Fehler. Sie vergab Regierungsposten nur an Parteimitlieder. Ein Postebeschaffungs- und Selbstbedienungsladen für Freunde und Verwandte der Parteiführung. Die Korruption nahm solche Ausmaße an, daß selbst Babrak Karmal, der Generalsekretär der DVPA, sie kritisierte. Er wurde zusammen mit der Partscham-Fraktion entmachtet.
Der Widerstand - die Mudjaheddin (Heilige Krieger) - formierte sich in Pakistan mit Hilfe des pakistanischen Geheimdienstes ISI und der CIA. 1979 war die Lage der Regierung hoffnungslos, so daß eine sowjetische Militärhilfe unumgänglich wurde. Nach vorliegenden Dokumenten war die Sowjetunion zunächst nicht zur Hilfe bereit. Besonders der Vorsitzende des Ministerrates der UdSSR, Alaxej N. Kossygin, war gegen eine Intervention. Erst im Dezember 1979 gab Leonid Breschnew, Generalsekretär des Zentralkommitees der Kommunistischen Partei der UdSSR, grünes Licht. Am 24. Dezember drangen sowjetische Spezialeinheiten in Afghanistan ein. Der afghanische Staatspräsident Hafisullah Amin wurde entmachtet und hingerichtet.
Die Sowjetunion rechtfertigte ihre Intervention mit dem Art. 4 des afghanisch-sowjetischen Freundschaftsvertrags vom 5.12.1978 und Art. 51 der UN-Charta. Aber die Intervention führte zum größten Debakel der Sowjetunion und wurde erst im Februar 1989 von Michail Gorbatschow beendet.
Die Unterstützung der Mudjaheddin durch die westlichen Geheimdienste und die Herausbildung der Taliban (Koranschüler) durch Pakistan führten schließlich zum bekannten Debakel des Westens, der Zerstörung Afghanistans, zum chaotischen Abzug der NATO-Truppen im August 2021 und dem Sieg der Taliban.
Matin Baraki, selbst Afghane, beschreibt diese fast 50-jährige Geschichte Afghanistans aus einem eher linken Blickwinkel. Er bedauert das Scheitern der "Revolution" der kommunistischen DVPA, von der er eine grundsätzliche Reorganisation Afghanistans erhoffte. Er nennt offen die begangenen Fehler, die vor allem in der Negierung des Weltbilds der Menschen, der Clanstruktur und des enormen Stadt-Land-Gegensatzes. Nicht überraschend gibt er den westlichen Geheimdiensten und der Politik der USA die Schuld für die erneute Herrschaft der Taliban. Damit liegt er natürlich nicht ganz falsch. Denn die USA hatten nie tatsächlich ein Interesse an Afganistan und einem State- und Nationbuilding. Sie wollten das Attentat vom 11. September 2001 rächen und sahen in Osama-Bin-Laden den Verantwortlichen. Allerdings präsentierten sie dafür nie Beweise, weshalb die Taliban ihn auch nicht ausliefern wollten. Und als sie ihn auf Befehl von Präsident Obama in Pakistan hinrichteten, zeigte sich, daß Afghanistan damit nur wenig zu tun hatte.
Sehr wertvoll und erhellend sind die sonst kaum zugänglichen Dokumente, die er - teilweise in eigener Übersetzung - vorlegt:
- Grundsatzprogramm der (DVPA) vom 1. Januar 1965
- Babrak Karmal - Zur Strategie und Taktik der Demokratischen Volkspartei Afghanistan (DVPA)
- Nur Mohammad Taraki - Grundlinien der revolutionären Aufgaben der Regierung der Demokratischen Republik Afghanistan (9. Mai 1978)
- Bodenreformdekret der Demokratischen Republik Afghanistan, November 1978
- Afghanisch-sowjetischer Freundschaftsvertrag vom 5.12.1978
- Geplanter Sturz der DVPA-Regierung in Kabul?
- Die USA waren lange vor der Sowjetunion in Afghanistan involviert
- Gespräch der Politbüromitglieder der KPdSU mit Taraki
- Gespräch des Generalsekretärs der KPdSU mit Taraki
- Sitzung des Politbüros der KPdSU zu Afghanistan
- Mögliche Perspektiven der sowjetischen Afghanistan-Politik
- Die Sowjetunion warnte Taraki vor den Folgen einer militärischen Intervention
- Beabsichtigte sowjetische militärische Intervention
- Die sozialistischen Länder wurden über die Militärintervention informiert
- Die KPdSU begründet ihre Militärintervention in Afghanistan
- Vertrag über sowjetische Militärpräsenz in Afghanistan
- Abkommen zwischen Taliban und USA über den Abzug der US-Truppen
Fazit: Es ist eine andere Geschichte des "Afghanistan-Konflikts", die Matin BARAKI hier präsentiert. Sie zeigt, daß die USA ihre Verbündeten und die Welt über ihre wahren Motive für den Kampf in Afghanistan belogen hat - so, wie sie es etwas später auch im Irak tat. Unklar bleibt allerdings, was sie in Afghanistan eigentlich erreichen wollten. War es wirkllich nur eine Öl- und Gas-Pipeline von Mittelasien über Afghanistan zum Indischen Ozean? Schon die erste Taliban-Regierung hätte diese erlaubt, konnte aber die Sicherheit nicht garantieren. Wird sie jetzt kommen? Oder war es Osama-Bin-Laden, der zwar hinter 9/11 stand - aber kein Afghane war?
Zu bedenken ist dabei, dass die USA und ihre Verbündeten in den Hochphasen des Krieges (2001-2014) bis zu 230.000 Söldner und Soldaten in Afghanistan im Einsatz hatten und doch nicht in der Lage waren, den Widerstand zu besiegen. Im Gegenteil. Mehr als 18 Jahre nach dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 waren die Islamisten stärker denn je. Sie kontrollierten 45 der 398 Distrikte des Landes vollständig, 117 Distrikte waren zwischen Taliban und Regierungstruppen schwer umkämpft. Beobachter sprachen von einer Patt-Situation. Wie US-Präsident Trump nun mit 16.000 Soldaten den Krieg gewinnen wollte, blieb sein Geheimnis.