
224 Seiten, ISBN: 978-3-608-98656-3
Stuttgart: Klett-Cotta, 2022
Bewertung
Rezension
Afghanistan beschäftigt die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten.
Afghanistans Geschichte ist eine Abfolge von Kriegen und Gewalt. Immer wieder wollten ausländische Mächte das Land wegen seiner strategischen Lage zwischen großen Kulturkreisen als Pufferzone ihrer Einflusssphäre einverleiben. Seit Alexander dem Großen erlebten die fremden Eroberer jedoch, dass sie das Land zwar rasch besetzen können. Noch nie ist es einer Macht aber gelungen, sich dauerhaft gegen den Freiheitswillen der Afghanen festzusetzen. Die Afghanen waren sich immer nur im Kampf gegen die Eindringlinge einig, und gescheitert sind alle Versuche, das Land nach fremden Vorbildern zu modernisieren. Als Objekt der Begierde fremder Mächte und aufgrund der inneren Zerrissenheit hat sich das Land am Hindukusch nie entwickelt und ist vor allem in den ländlichen Gebieten rückständig geblieben. Eindringlich zeigt der Autor, warum die Geschehnisse in Afghanistan uns alle etwas angehen und wir uns nicht mit einer passiven Zuschauerrolle begnügen können. Zugleich entwirft er Szenarien möglicher Entwicklungen in Afghanistan und zeigt Optionen für den Westen auf.
Fazit: Rainer HERMANN, einer der besten Kenner des Nahen Ostens, legt eine kompakte, aber dennoch umfassende und präzise Geschichte Afghanistans von den Anfängen unter Alexander dem Großen bis zum Wiedererstarken der Taliban und ihrer zweiten Herrschaftsübernahme 2021 vor. Er erklärt Geschichte, Gesellschaft, Glaube und Geopolitik einer von Kriegen erschütterten Weltregion. Afghanistan als Friedhof der Großmächte
zu bezeichnen (was der Autor ablehnt) greift nicht. Aber viele Probleme und Bedrohungen wie Migrationsströme, Terror-Attentate, und selbst das Erstarken Chinas sind den afghanischen Verhältnissen anzurechnen. Einen funktionierenden Zentralstaat brachten sie nicht wirklich hervor. Die westlichen Konzepte von Demokratie und Freiheit blieben hier nur Wunschträume.
Ein sehr wertvolles Buch für alle, die die afghanische Geschichte kennenlernen und zumindest in Ansätzen verstehen wollen.
Als der Kollaps der alten Ordnung auch die Hierarchien mit sich riss, verloren die klassischen Religionsgelehrten ebenfalls ihre Funktion.
Und so übernahmen die Taliban, die aus den Dörfern der konservativsten und rückständigsten Region Afghanistans stammten, das Land. Ihr südafghanisches Dorf wurde zum Modell für ganz Afghanistan. Der halbgebildete Dorfmullah trat an die Stelle des klassischen Religionsgelehrten, des säkularen Richters, des städtischen Technokraten und des professionellen Politikers. Die Paschtunen aus Kandahar stülpten ihr vormodernes Weltbild ganz Afghanistan über. In dem Dorf, in dem Mullah Omar wirkte, hatte deswegen nie ein Mädchen eine Schule besucht, weil es dort nie Schulen gegeben hatte. In Herat hingegen hatte die Bildung von Frauen eine lange Tradition. Afghanistan ist ethnisch und in der religiösen Praxis sehr heterogen. Die Taliban wollten in ihrem »Islamischen Emirat Afghanistan« diese Vielfalt jedoch abschaffen.