
(Taliban. The Power of Militant Islam in Afghanistan and Beyond., 2010)
491 Seiten, ISBN: 978-3-406-78467-5
München: C.H. Beck, 2022
Bewertung
Rezension
Die Taliban (Schüler) sind ein Produkt Pakistans: geschaffen von der ehemlagigen Ministerpräsidentin Benazir Butho und dem Geheimdienst ISI während der sowjetischen Intervention in Afghanistan. Sie sind überwiegend Waisen und entstammen den ultrakonservativen Medressen in den paschtunischen Stammesgebieten entlang der Durrand-Linie. Jene im 19. Jahrhundert von der britischen Kolonialmacht willkürlich gezogene Grenze, die die Paschtunen trennt. Beide Seiten wurden niemals wirksam von der jeweiligen Staatsmacht kontrolliert. Auf der pakistanischen Seite gehören diese Gebiete nicht zu Pakistan und sind weder dem pakistanischen Recht, der Verwaltung oder der Verfassung unterworfen.
Die Taliban sind immer Paschtunen und akzeptieren andere Ethnien nicht. Sie vertreten eine steinzeitliche Version des Islam, in der Musik, Tanzen, Taubenhaltung, Drachensteigen, Fernsehen und anderes mehr verboten sind. Vergehen werden streng, etwa durch Auspeitschung, bestraft. Frauen dürfen nur vollverschleiert und mit einem männlichen Begleiter in die Öffentlichkeit.
Aber die Taliban sind auch eine Gefahr für die Nachbarstaaten Afghanistans, aber auch für die westliche Welt.
Bereits vor dem 11. September war offensichtlich, dass Afghanistan zu einer großen Bedrohung der regionalen, aber auch internationalen Stabilität geworden war. Dürre, Bürgerkrieg, Massenflucht, Drogenschmuggel, die harte Linie der Taliban-Führung und die wachsende Zahl terroristischer Gruppen, die von Afghanistan aus operierten, hätten für den Westen Warnung genug sein können. Doch die Bedeutung Afghanistans begriff die Welt in fassungslosem Entsetzen erst, als zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center rasten.
Sie beherbergen und untertsützen die Terrororganisation al-Quaida und bieten ihrem Führer Osama Bin Laden Unterschlupf. Auch wenn die Attentäter des Terroranschlags 9/11 auf New York und Washington keine Afghanen waren, wären sie ohne Taliban-Unterstützung nur schwerer möglich gewesen. Der "war on terror" der USA war zum einen Racche, aber eben auch der Versuch der Terrorbekämpfung - der nur teilweise erfolgreich war.
Fazit: Ahmed RASHID bietet eine umfassende, manchmal schon überfordernde Analyse der Taliban, ihrer Struktur und Weltvorstellung. Sehr informativ - und an anderer Stelle kaum zu finden - sind die Anhänge mit Beispielen von Taliban-Verordnungen, die Struktur und Chronologie der Taliban sowie ihre Bedeutung, die weit über Afghanistan hinausgeht.
Könnten die Taliban in dieser muslimischen Tradition ebenfalls ihre Politik ändern und die kulturelle und ethnische Vielfalt aufnehmen, um das Land legitim zu regieren? Das ist ziemlich unwahrscheinlich, so wie es gegenwärtig um sie bestellt ist. Die Taliban sind im Wesentlichen gefangen zwischen einer Gesellschaft der Stammeszugehörigkeit, die sie versuchen zu ignorieren, und der Notwendigkeit staatlicher Strukturen, die einzurichten sie sich weigern. Die Stammeszersplitterung der Paschtunen ist wie ein Schreckgespenst zurückgekehrt, da es ihnen nicht einmal gelingt, der Forderung nach Beteiligung an der Macht nachzukommen, während sie alle Nicht-Paschtunen vollkommen ignorieren. So etwas hat es in der Vergangenheit nicht gegeben.