Buchtipp : Emran FEROZ, Der längste Krieg. (Rezension)

Emran FEROZ, Der längste Krieg.

Afghanistan/Zeitgeschichte/

 Emran FEROZ: Der längste Krieg.
Emran FEROZ: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror.   Neu 
222 Seiten, ISBN: 978-3-86489-328-5
Frankfurt am Main: Westend-Verlag, 2021
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Es geht um den Afghanistan-Krieg als Krieg gegen den Terror (war on terror) und besonders um die Folgen des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Afghanistan.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, für die sie Osama bin Laden verantwortlich sahen, marschierten sie in Afghanistan ein, um Al-Qaida zu bekämpfen und die Taliban zu stürzen. Aber es ging auch - und vielleicht vorrangig - um Rache.
Ein zentraler Punkt des Buches ist die Perspektive der afghanischen Bevölkerung. Denn hinter Begriffen wie „Krieg gegen den Terror“ stehen konkrete menschliche Schicksale: Menschen verlieren Angehörige, Häuser und ihre Lebensgrundlage. Besonders kritisiert wird der Einsatz von Drohnen und Luftangriffen, bei denen auch Zivilisten getötet werden. Auch stellt sich die Frage, wie der Westen den Krieg rechtfertigt und warum die Berichterstattung über Afghanistan häufig die Sichtweise der westlichen Staaten in den Mittelpunkt stellt.
Der Afghanistan-Krieg kann nicht nur als Kampf zwischen den USA und den Taliban verstanden werden. Er ist ein komplexer Konflikt mit einer langen Geschichte, dessen Folgen vor allem die afghanische Bevölkerung trägt.
Fazit: Emran FEROZ, geboren in Innsbruck, hat eine etwas andere Perspektive auf diesen längsten Krieg. Die vorgeblichen hehren Ziele der USA und ihrer Verbündeten, der Kampf gegen den Terror, hatten keinen Bezug zur afghanischen Wirklichkeit. Sie konzentrierten sich auf die Städte, versuchten aber kein nation building, sondern machten Warlords groß und beförderten eine unvorstellbare Korruption, die sogar die der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) übertraf. Die Menschen, der Lebensmittelpunkt immer noch das (paschtunische) Dorf ist, interessierten und verstanden sie nicht. Eine gute Ergänzung zu der eher USA-freundlichen Berichterstattung. Aber auch zu den linken Verschwörungsthesen über die Rolle der USA.
Für Cockburn und viele andere linke Beobachter im Westen sind Afghanistan und andere Länder in der Region lediglich ideologische Spielflächen, in denen sie stets nur einen Feind vor Augen haben: die Vereinigten Staaten. Dabei blenden sie die Tatsache aus, dass es während des Kalten Krieges zwei Supermächte gab, nicht nur eine, und dass beide viel Unheil anrichten konnten. Am Ende der sowjetischen Besatzung waren zwei Millionen Afghanen tot. Millionen von Afghanen mussten aus ihrer Heimat fliehen. Ganze Generationen wurden zerstört und viele junge Menschen schlossen sich militanten Gruppierungen nicht etwa deshalb an, weil ihnen das die CIA so befohlen hatte, sondern weil sie ihre Familienmitglieder nach brutalen Massakern oder in den Folterkellern des Kabuler Regimes verloren hatten. Tatsächlich wird die Rolle Washingtons und der CIA im Afghanistan des Kalten Krieges bis heute überschätzt oder aufgeblasen.
Und die wirklichen Sieger sind die Taliban.

Doch während gegenwärtig viele Kritiker den Fokus auf das darauffolgende Kriegsgeschehen legen, wird der Krieg an sich immer noch selten bis gar nicht hinterfragt. Fakt ist: Bei dem westlichen Einmarsch in Afghanistan handelte es sich um einen illegalen Angriffskrieg. Bis heute wird die Intervention sowie die historisch erstmalige Ausrufung des NATO-Bündnisfalles in Anbetracht der Anschläge des 11. Septembers als angemessen oder gar selbstverständlich betrachtet. Doch nicht nur aus Sicht von weiten Teilen der afghanischen Bevölkerung ist dies mitnichten der Fall. Das militärische Eingreifen in Afghanistan war genauso rechtswidrig wie das darauffolgende im Irak. Eine Einsicht gibt es diesbezüglich allerdings nicht. Stattdessen spricht man weiterhin vom »guten Krieg« (»good war«) und stützt sich bis heute auf fadenscheinige Rechtfertigungen, die dank des einseitigen Handelns verschiedener Institutionen, etwa der UN, als juristisch akzeptabel betrachtet werden und sich im politischen Neusprech durchgesetzt haben.

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