
Speicherstadt-Saga 2 Neu
380 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2685-3
Köln: Lübbe, 2020
Bewertung
Rezension
Hamburg in der Zwischenkriegszeit. Nicht unbedingt das Pflaster für eine Frau - aber für Mina.
Der 1. Weltkrieg ist zu Ende, Deutschland hat verloren. Der Überseehandel, von dem Hamburg lebt, ist praktisch zu Erliegen gekommen. Die deutschen Frachtschiffe wurde beschlagnahmt, aber andere laufen Hamburg nicht an oder sind zu teuer.
Wilhelmina Lohmeyer, genannt Mina, hat das Kaffeekontor Kopmann & Deharde mühsam durch die Kriegszeit gebracht. Sie ist zwar als Frau nur bedingt handlungsfähig, aber ihr Gatte Frederik ist nach dem Krieg in Berlin geblieben. Die Ehe der Beiden ist nur eine Zweckgemeinschaft, die Mina eingegangen ist, obwohl sie einen anderen liebte: Edo. Doch der war nach Amerika ausgewandert, auch, weil er den Kontor nicht übernehmen konnte. Aber Mina wollte die Firma retten und hat deshalb Frederik geheiratet.
Doch nun droht dem Kontor das Aus. Der Kaffeehandel ist zusammengebrochen, weil kein Kaffe nach Hamburg gelangt. Doch dann hat Mina die Idee, ihren Schwiegervater Paul zu fragen, der eine Kaffeeplantage in Guatemala betreibt. Er und sein Sohn Frederik verstehen sich überhaupt nicht. Das hält zwar Paul nicht davon ab, Mina Kaffee liefern zu wollen. Aber das Problem der Transportfinanzierung bleibt. Mina braucht dafür einen Kredit, den ihr aber die Stammbank der Firma ohne Frederiks Unterschrift verweiget.
Ihr Jugendfreund Heiko, der ein Lager betreibt, findet schließlich einen andere Finanzier, der einen Fuß in den Hamburger Handel setzen will. Und so blüht das Kontor Kopmann & Deharde wieder auf. Mina kann Frederik, der zunehmend gewalttätig geworden ist, zwingen, sich nach Berlin zurückzuziehen. Und schließlich wird sie - als Frau! - in die Kaffeebörse aufgenommen und kann so selbständig Handel treiben.
Fazit: Fenja LÜDERS schildert den letztlich erfolgreichen Kampf einer Frau um Selbstbestimmung und Anerkennung in einer Männerwelt durchaus anschaulich. Man kann sich diese Rollenklischees und die Zuschreibung von Eigenschaften an Frauen aus heutiger Sicht nicht mehr vor stellen. Oder ist doch noch einiges übriggeblieben?
Von dem Tag an, als sein Wagen wieder mit auf Hochglanz poliertem Lack und blitzenden Chromleisten vor der Garage stand, fuhr Frederik grundsätzlich allein in die Stadt und kam zurück, wann es ihm passte.
Was er genau tat und wen er traf, wusste Mina nicht, und sie fragte auch nicht nach. Tatsächlich wechselte sie kaum ein Wort mit Frederik, jedenfalls nicht, wenn sie mit ihm allein war. Sein stechender Blick und die geballte Faust waren ihr Warnung genug gewesen, ihm aus dem Weg zu gehen. Die Erinnerung an sein Verhalten in jener einen Nacht vor etwa drei Jahren brachte sie außerdem dazu, jeden Abend die Tür ihres Zimmers sorgfältig abzuschließen, bevor sie zu Bett ging.