
(A door in the earth., 2019)
496 Seiten, ISBN: 978-3-89561-168-1
Frankfurt: Schöffling, 2021
Bewertung
Rezension
Amerika ist das beste Land der Welt. Und die Welt soll werden wie Amerika.
Die afghanisch-amerikanische Berkeley-Studentin Parvin Schams fühlt sich nach dem Tod ihrer Mutter und vor dem Ende ihres Studiums etwas orientierungslos. Von den liberalen Ideen ihrer charismatischen Professorin möchte die Studentin der medizinischen Anthropologie einmal kurz die Welt retten und nebenbei vielleicht Material für die Masterarbeit abstauben.
Das (fiktive) Buch des Augenarztes Gideon Crane, Mutter Afghanistan
, erweckt in ihr den Wunsch, nach Afghanistan, das sie mit zwei Jahren verlassen hat, zu reisen. Craine, Ehebrecher und Honorarbetrüger, ist zur Buße als Helfer nach Afghanistan gereist. Als er eine Gebärende nicht retten konnte, hat er eine Stiftung ins Leben gerufen und mit den Geldern eine Klinik für Geburtshilfe in dem abgelegenen Dorf errichtet.
Das Buch ist ein Bestseller und Craine ein charismatischer Medienstar, so daß die Gelder fließen. Parvin will, angeregt durch das Buch, nach Afghanistan fahren und dort in der Klinik für die Stiftung arbeiten, um den Fortschritt in der Bekämpfung der Müttersterblichkeit zu dokumentieren. Aber die Stiftung zeigt wenig Interesse an Mitarbeitern - so wie auch die anderen Begeisterten wenig Interesse an der tatsächlichen Mitarbeit haben. Nach einigen Schwierigkeiten wird Parvin dann doch akzeptiert und fährt in das abgelegene Dorf, ein idyllisches, von Ausländern unberührtes Fleckchen Erde
. Aber eben ohne jeden westlichen Komfort: das Handy ist funktionslos, es gibt kaum Strom und kein Internet.
Die Beschreibungen in Cranes Buch haben wenig mit der Realität zu tun, die Parvin vorfindet. Die Familie, bei der Crane wohnte und die er so begeistert schildert, nimmt sie eher widerwillig auf. Die Klinik, ein strahlend weißer Fremdkörper in der Dorflandschaft, hat kein medizinisches Personal, weil es niemand bezahlt. Nur am Mittwoch kommt eine freiwillige Ärztin vorbei, kann aber bei schwierigen Fällen und Geburten nichts machen, da es keine Infrastruktur gibt.
Die Amerikaner versprechen, die Schotterpiste zum Dorf in eine Asphaltstraße umzubauen und das Dorf damit leichter erreichbar zu machen. Das begeistert die Dorfältesten nicht besonders, weil sie den Neid der nicht erschlossenen Dörfer ringsum fürchten und lieber eine Bewässerungsanlage hätten. Die gutgemeinte Aktion soll zeigen, daß die Amerikaner einen guten
Krieg führen, auch für die einfachen Menschen. Die aber wollen vor allem in Ruhe nach ihren Traditionen leben.
Doch jetzt wünschte sie Wahid, seiner Familie und seinen Nachbarn nichts mehr, als dass sie nie wieder einen Fremden zu Gesicht bekommen würden. Vor allem keine Amerikaner. Trotter und seine Männer, Crane und sie selbst hatten dem Dorf helfen wollen - und hatten es zerstört.
Fazit: Das Buch von Amy WALDMAN hinterlässt den Eindruck, eine literarische Aufarbeitung verschiedener anthropolischer Afghanistan-Studien zu sein. Sie war zwar selbst in Afghanistan, scheint aber nicht weit über Kabul hinausgekommen zu sein. Ob sie sich tatsächlich in das Leben muslimischer Frauen in einer abgelegenen patriarchalischen Umwelt einfügen kann, erscheint doch fraglich. Die Lebens- und Wertevorstellungen sind den westlichen so entgegengesetzt, daß man sie eigentlich nicht begreifen kann. Und so bleibt die grundsätzliche Frage zu Afghanistan, ob man es einfach so lassen soll oder doch zu einer modernen Gesellschaft erziehen
muß, unbeantwortbar. Aber von der Autorin eine Antwort zu erwarten, wäre unfair.
Fereschta und das ungeborene Kind starben. Die anderen sechs Kinder blieben mutterlos zurück, und Parvin, die Jahre später davon las, war am Boden zerstört. Intellektuell war das alles natürlich kein Schock für sie. Als Medizinanthropologie-Studentin kannte sie alle Faktoren - strukturelle Ungleichheit, Mangelernährung, Sparprogramme, Neoliberalismus, ererbter Reichtum, geschlechtsspezifische Unterdrückung und viele mehr -, die dafür ausschlaggebend waren, dass Menschen, die meisten von ihnen Frauen, nicht am Fortschritt teilhaben konnten. Sie hatte zahllose Abhandlungen . und Texte dazu gelesen, aber noch nie etwas, das sie das Empörende daran so tief empfinden ließ.(...) Millionen Frauen wie sie setzten jedes Mal, wenn sie ein Kind zur Welt brachten, ihr Leben aufs Spiel, und viele von ihnen verloren es.