
Duckworth-Trilogie 1 Neu
(Cara Massimina., 1990)
319 S., ISBN: 978-3-88897-930-9
München: Antje Kunstmann, 2015
Bewertung
Rezension
Ein Mann will nach oben.
Morris Duckworth stammt aus einer gesichtslosen engllischen Industriestadt, in der sein Vater in einer Fabrik arbeitet. Schon früh erkannte er die Notwendigkeit von Bildung und schaffte es sogar auf die Universität in Cambridge - von der er allerdings kurz vor Abschluß wegen eines Rauschgiftdelikts relegiert wurde. Bei der Jobsuche scheiterte er allerdings immer vor dem letzten, entscheidenden Gespräch. Das tat seiner Überzeugung von der eigenen Genialität und moralischen Überlegenheit aber keinen Abbruch.
Da seine Jobsuche in England erfolglos blieb, übersiedelte er nach Italien. In Verona fand er an einer drittklassigen Schule eine Anstellung als Englischlehrer. Damit und mit Privatstunden schlug er sich durch. Seine Überzeugung, für ein Leben als reicher, kunstsinniger Mensch prädestiniert zu sein, gab er allerdings nie auf.
Eine gute Gelegenheit schien sich ihm zu bieten, als sich seine unbegabte Schülerin Massimina Trevisan in ihn verliebt. Sie stammt aus einem reichen Haus. Damit hätte Duckworth sein Ziel erreicht - aber die Familie lehnt ihn ab und verbietet Massimina den weiteren Umgang mit ihm.
Aber Massimina gelingt es, wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Sie beschließen, gemeinsam "durchzubrennen" und an Massiminas achtzehnten Geburtstag, der nur wenige Wochen entfernt ist, zu heiraten. Damit wäre die Familie wohl gezwungen - vor allem im Fall einer Schwangerschaft -, Morris zu akzeptieren und er hätte sein Lebensziel erreicht.
Aber das genügt Morris dann nicht mehr und er inszeniert das Durchbrennen als eine Entführung, um von der Familie Lösegeld zu erhalten. Zunächst scheint sich seine planerische Genialität zu bestätigen, doch dann läuft alles schief…
Fazit: Morris Duckworth ist ein Psychopath, überzeugt von seiner moralischen und intellektuellen Überlegenheit. Er will seinem Vater, der ihn immer als Weichei beschimpft hat, zeigen, wozu er imstande ist. Er will ohne Rücksicht nach oben, fest davon überzeugt, daß dort der ihm zustehende Platz ist. Die Lieblosigkeit des Vaters und der frühe Verlust der Mutter prägen ihn. Tim PARKS entwirft im ersten Teil der Trilogie ein Psychogramm eines eigentlich Gescheiterten. Das Verona der 1990er-Jahre bleibt leider nur eine Hintergrundfolie.
Spätestens Ende Juni, überlegte Morris, konnte er wahrscheinlich die Miete nicht mehr bezahlen.
Uber sein Weinglas hinweg warf er einen Blick auf den Platz, wo die Passanten gemächlich vorbeiströmten. Genau das war es, was ihm an Italien gefiel: die passeggiata, die stilvolle Promenade, die Gelassenheit, die da zur Schau gestellt wurde; das helle, flüssige Sonnenlicht auf dem Platz, die funkelnden Brunnen, die reglosen, glühenden alten Fassaden - und diese Menschen, die das alles geerbt hatten, die Mauern, die Lebensart und die Sonne, und die sich gelassen und heiter auf diesen goldenen Straßen bewegten.
Aber wie konnte er daran teilhaben? Er, Morris, der noch nie irgendwo dazugehört hatte? Der bezweifelte, dass so etwas überhaupt möglich war?