Buchtipp : Carsten JENSEN, Der erste Stein. (Rezension)

Carsten JENSEN, Der erste Stein.

Afghanistan/Roman/

 Carsten JENSEN: Der erste Stein.
Carsten JENSEN: Der erste Stein. Roman.   Neu 
(Den første sten., 2015)
638 S., ISBN: 978-3-8135-0741-6
München: Knaus, 2017
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Afghanistan ist kein Deal.
Ein Zug dänischer Soldaten, 27 Männer und die Soldatin Hannah, treffen unter der Führung des charismatischen Offiziers Rasmus Schrøder in der Forward Operation Base Price ein. In dieser vorgeschobenen Basis ist Platz für 500 Soldaten, davon sind 350 Dänen, der Rest Briten. Und im Zentrum des Lagers hat eine amerikanische Spezialeinheit einen abgezäunten Bereich.
Die gut ausgebildeten, hoch motivierten und abenteuerlustigen Dänen dieses 3. Zuges merken bald, daß hier nichts geschieht, daß es hier nicht um Konfrontation, sondern um Präsenz geht. Sie fahren Streife in ihren gepanzerten Fahrzeugen, bei deren Eintreffen die Zivilfahrzeuge sofort an den Straßenrand ausweichen müssen. Sie fahren durch die Provinzhauptstadt Gereshk, aber sie steigen nicht aus. Alles zu gefährlich. So verrinnen die Tage ereignislos.
Der dänische Oberkommandierende Ove Steffensen war 16 Jahre lang in der Kommunalpolitik tätig. Er versteht sich weniger als Anführer der Soldaten, für ihn ist kein Prinzip in Beton gegossen. Er ist zwar theoretisch der stärkste Kriegsherr in der Region, aber in Wirklichkeit hängt alles vom Verhandeln, von Allianzen und Absprachen ab. So wie er es im Gemeinderat von Bornholm gelernt hat.
Doch dann werden bei der Routinekontrolle einer Ansiedlung zwei Soldaten des 3. Zuges durch eine Tretmine getötet. Luftunterstützung wird angefordert, das Dorf bombardiert. Damit eskaliert die Situation, die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller. Und als Schrøder die Truppe verrät und sich auf die Seite der Taliban stellt und dabei die Hälfte der Männer des Zuges getötet wird, sinnen die anderen nur noch auf Rache.
Fazit: Im ersten Teil des Romans zeigt Carsten JENSEN sehr deutlich, warum sowohl die sowjetischen als auch die NATO-Streitkräfte an Afghanistan scheitern mußten. Die Menschen sind in ihren Clansystemen verwurzelt. Komplizierte Loyalitäten und schwer zu deutende Zeichen machen eine Verständigung, ein gegenseitiges Verstehen zwischen den Einheimischen und den Fremden praktisch unmöglich.
»Nein, du irrst dich, wenn du glaubst, Afghanistan sei mein Land. Im Augenblick ist es das Land der ausländischen Truppen. Wenn ihr geht, wird es zum Land der Taliban. Mein Land wird es nie wieder werden. Ich bin vogelfrei in meinem eigenen Land.«
Stevensen hat mit seiner Vorstellung des Ausgleichs eigentlich keine Chance. Und am Ende wird er auch keinen Ausgleich mehr suchen.
Der zweite Teil des Romans relativiert und entwertet damit die Erkenntnisse des ersten Teils. Hier kommt eine Ich-Figur namens Khaiber ins Spiel, ein in Dänemark geborener Afghane, Agent des Militärgeheimdienstes. Er soll Schrøder und die verschwundenen Reste des 3. Zuges suchen. Doch hier wird der Roman mystisch, gleitet irgendwie in eine virtuelle Realität ab und kosntruiert ebenfalls ein Afghanistan, das es so nicht gibt. Diese Suche erinnert stark an den Roman Im Herz der Finsternis von Joseph Conrad (und an den drauf basierenden Film Apocalypse Now), wobei Schrøder Kurtz entspricht.
Das bringt wenig Erkenntnis und relativiert den ersten Teil, den man vielleicht als Antikriegsroman hätte bezeichnen können.
Und wer ist ihr Feind?
Die Antwort ist einfach. Ihre Feinde sind all diejenigen, die ihren Alltag stören. Wenn wir in den kommenden Tagen in Kämpfe geraten, weiß ich, dass sie alles einsetzen werden: Frauen, Kinder, Tiere. Sie wollen gewinnen oder sich bis zum letzten lebenden Wesen massakrieren lassen. Inschallah werden sie sagen, wenn sie ihren letzten Atemzug tun. Aber sie sterben nicht für Allah. Sie sterben füreinander. Die Gemeinschaft ist ihre Ewigkeit, eine sehr handfeste Ewigkeit.

Schade um die Gelegenheit, Afghanistan etwas besser zu verstehen. Eigentlich 3,5 Sterne.

Die Reisfelder in der Nähe des Flusses liegen lehmig und menschenleer vor ihnen. Sollten dort nicht Bauern säen oder düngen oder was, zum Henker, Bauern um diese Jahreszeit so tun? Kein einziges kleines Hirtenmädchen in einem bunten Kleid, geschweige denn eine Herde blökender Ziegen ist zu sehen. Irgendetwas Menschliches, auf das sie reagieren, irgendein kleiner Bursche, dem sie ein Springseil und Bleistifte schenken könnten. Blei in zivilisierter Form, wie Schrøder es nennt, bevor sie die verdammten Tali-Bobs mit Blei in einer unzivilisierteren Form füttern. Sie wissen nichts über das Leben hier und sind daher nicht gerade die allerbesten Leser von Zeichen in dieser grünen Landschaft. Aber die Abwesenheit von Menschen ist immer beunruhigend, so viel wissen sie. Und im Augenblick ist es hier leer. So sieht ein Schlachtfeld aus, bevor die Heere anrücken.

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