
(zuerst 2007), 154 S, ISBN: 978-3-442-73832-8
München: btb Verlag, 2009
Bewertung
Rezension
Christoph kehrt für zwei Wochen zurück in sein Elternhaus in Schwerin. Sein Vater muß nach einem Schlaganfall 24 Stunden betreut werden. Die eigentliche Pflege erledigt die Bulgarin Kristina zusammen mit Christophs Mutter. Aber diese will mit einer Freundin auf Urlaub fahren, und Christophs ältere Schwester Astrid, die sonst einspringt, ist verhindert.
Christoph lebt in Berlin, ist Architekt und derzeit arbeitslos. So kann er sich er Bitte der Mutter nicht entziehen, obwohl er eigentlich keine Beziehung zu seinem Vater hat. Er ist ein Nachzüglerkind, unerwartet zehn Jahre nach seinen Geschwistern geboren, zu denen er auch keine enge Beziehung hat.
Der Vater, emeritierter Professor in Wismar und Parteimitglied, hat das einzige Haus mit Swimmingpool in Schwerin gebaut. Er war beliebt und freundlich, hielt aber zu allen Menschen Distanz. Auch zu seinen Kindern und vielleicht besonders zu Christoph, mit dem er nicht mehr anzufangen wußte. Seinen Vater, Christophs Großvater, hat er nie kennengelernt, er war im Krieg gefallen:
Vielleicht wußte er auch deshalb nicht, welche Bedeutung ein Vater für ein Kind hat. Weil er selbst nicht wußte, was das ist, ein Vater.
Während Christoph in Schwerin ist, trifft ein Brief aus der Schweiz ein, adressiert an seinen Vater. Er öffnet ihn und entdeckt, daß es da noch eine andere Seite im Leben seines Vaters gegeben hat, ein verborgenes Leben. Seinem Vater war einmal ein mehrmonatiger Studienaufenthalt an der ETH Zürich genehmigt worden. Und da hat es eine Beziehung zu einer anderen Frau, Eva Holzinger, gegeben. Christoph fährt nach Zürich und trifft sich mit Eva. In den Gesprächen mit ihr, indirekt, lernt er seinen Vater besser kennen. Und es gelingt ihm, endlich eine Art Beziehung zu ihm aufzubauen, auch wenn sie natürlich einseiitg bleibt:
Meinen Kopf auf die Rückenlehne des Sessels gelegt, scholß ich die Augen und begann von der Schweiz zu reden, von Eva Holzinger... Ich tat diese sehr langsam und ausführlich, und später erzählte ich ihm auch von mir selbst.
Gregor Sander ist ein tief berührendes Buch über eine Vater-Sohn-Beziehung gelungen. Eine Beziehung, die eigentlich erst entsteht, als es keine Möglichkeit zur direkten Kommunikation mehr gibt. Und die nicht stattgefunden hat, als es diese Möglichkeit noch gab. Der Versuch der Annäherung an einen Vater, der diese Nähe immer vermissen ließ. Und der sie wohl nicht gesucht und entbehrt hat. In seiner Thematik erinnert das Buch an Arno Geigers Der alte König in seinem Exil
. Söhne und Väter, ein oft schwieriges, lebensbestimmendes Ringen.
Fazit: Gregor SANDERS großes Talent liegt in der Beschreibung von Menschen und ihren Beziehungen und der genauen Beobachtung. Unbedingt lesenswert!
"Wie soll ich jemanden lieben, der sich mir entzieht. Der über all das, was ich dir eben erzählt habe, kein Wort verloren hat. ... Ich habe keinen Weg zu ihm gefunden, und der hat ihn nicht einmal gesucht. Er ist mein Vater, und ich hänge an ihm auf eine Weise, die man wohl nicht erklären kann."