Buchtipp : Carlo LUCARELLI, Die schwarze Insel. (Rezension)

Carlo LUCARELLI, Die schwarze Insel.

Emilia-Romagna/Faschismus/Krimi/

 Carlo LUCARELLI: Die schwarze Insel.
Carlo LUCARELLI: Die schwarze Insel.   Neu 
(L' isola dell' angelo caduto., 1999)
268 S, ISBN: 3-492-04505-7
München: Piper, 2003
Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Der junge Commissario wird - vermutlich als Quästor, daher die Anrede "Exzellenz" - auf eine abgelegene Insel versetzt. Neben dem Telegrafen ist die einzige Verbindung zur Außenwelt das Militärdampfschiff, das allerdings nicht direkt an der Insel anlegen kann. Die Passagiere müssen mit kleinen Booten übersetzt werden.
Neben einigen Fischern leben auf der Insel in einer ehemaligen Festung die Verbannten des Mussolini-Regimes - und die Schwarzhemden, die sie beaufsichtigen. Die Insel macht einen unheilvollen Eindruck, ist oft nebelverhangen. Hana, die Frau des Kommissars, wird bald nach der Ankunft depressiv, verlässt ihr Zimmer nicht mehr und hört in einer Endlosschleife das Lied "Ludovico".
Die Schwarzhemden unter dem Manipelanführer Mazzarino haben die Insel fest in der Hand, der Staat ist nur durch den Kommissar und seinen Brigadiere präsent. Da wird ein enger Vertrauter Mazzarinos tot aufgefunden. Über einen Abhang abgestürzt - der Kommissar vermutet Mord, der Arzt sieht darin nur einen Unfall. Bald darauf kommt es zue einem zweiten "Unfall": Zecchino, der Informant des Kommissars. Und schließlich erhängt sich auch noch der Postbeamte, der den Telegrafen bedient.
Die Ermittlungen gestalten sich für den Kommissar äußerst schwierig. Unterstützung erhält er von dem Verbannten Valenza, ehemals Professor für Anatomie an der Universität Bologna. Er bestätigt die Mordtheorie des Kommissars.
Da erreicht ein Telegramm mit der Ankündigung seiner Versetzung und der Aufforderung, sich für die Abreise bereit zu machen, den Kommissar. Das stürzt ihn in das Dilemma, ob er weiter versuchen soll, den Fall aufzuklären - oder alles auf sich beruhen lassen und die Insel verlassen soll.
Wie oft in seinen Romanen thematisiert Carlo Lucarelli auch hier das Problem des neutralen Staatsdieners. Muß es für den Beamten letztlich egal sein, wer den Staat regiert - Diktator, Faschisten, der König, Demokraten? Bleibt der Staat als solcher trotzdem immer gleich und ist der Beamte verpflichtet, dessen Interessen zu vertreten? Und was sind dann die Staatsinteressen? Und kann der Beamte überhaupt neutral bleiben?
Für den Kommissar, der aus einer alten Beamtenfamilie stammt (und viele Züge von Commissario De Lucca aufweist), ist am Ende die Konsequenz klar und unausweichlich: er wird den Fall aufklären und den Schwarzhemden nicht nachgeben. Und er wird die persönlichen Kosten tragen: Hana, die die Aussicht auf Abreise aus ihrer Depression geholt hat, fällt wieder in diese zurück.
Fazit: Carlo LUCARELLI ist hier ein beeindruckender Roman gelungen, der das Bedrohliche der Insel und die bedrohende Athmosphäre des aufkommenden Faschismus zu einem Albtraum verwebt. In diesem kleinen Rahmen wird dem Faschismus noch ein letztes Mal Paroli geboten, während in der äußeren Welt Mussolinis Aufstieg unaufhaltsam ist. Für den Kommissar bleibt keine Hoffnung, nur die Pflicht.

So kam es, daß er als beigeordneter Vizekommissar in der Quästur von Ferrara am 15. März 1923 die vier Männer schnappte, die in Comacchio einen Sozialisten bei einer Kneipenschlägerei kaltgemacht hatten. Dabei hatte er sich keineswegs von den Interessen einer Partei leiten lassen, weder der faschistischen noch der populären, noch der liberalen, sondern er erfüllte einfach nur seine Aufgabe als Vizekommissar im Polizeipräsidium, schnappte sie und brachte sie hinter Gitter.
Die vier aber waren Mitglieder der Sturmabteilung des Quadrumviraten Italo Balbo, des Helden beim Marsch auf Rom, der ein persönlicher Freund Seiner Exzellenz des Duce und in Wirklichkeit oberster Herr von Ferrara war. Ehe er sich's versah, hatte er auch schon seine Beförderung: Noch vor Ablauf des ersten Dienstmonats landete er auf der Insel in einem Kommissariat, das der reinste Witz war.

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