LeseTipp: Gard SVEEN, Der letzte Pilger.

Norwegen/Oslo/Besetzung/Krimi/

 Gard SVEEN: Der letzte Pilger. Gard SVEEN: Der letzte Pilger.   Neu 
(Den siste pilegrimen., 2013)
538 S., ISBN: 978-3-471-35116-1
Tommy Bergmann 1
München: List Verlag, 2016

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Norwegens stechende Narbe.
In der Nordmarka werden drei Skelette gefunden, zwei Erwachsene und ein Kind. Erschossen vermutlich 1942, als Norwegen von deutschen Truppen besetzt war. Möglicherweise von der Gestapo hingerichtet, vielleicht aber auch von den Widerstandskämpfern als Verräter. Eines der Opfer war Agnes Gerner, die Verlobte von Gustav Lande, einem Unternehmer und NS-Kollaborateur. Das zweite Opfer wohl das Dienstmädchen Johanne Caspersen, das Kind vielleicht Agnes Kind. Vor allem das Kind bringt Tommy Bergmann, Kommissar bei der Osloer Polizei, dazu, sich mit dem Fall zu beschäftigen - der natürlich keine Priorität mehr hat und wahrscheinlich bald zu den Akten gelegt werden wird.
Denn kurz darauf wird der bekannte und beliebte ehemalige Widerstandskämpfer Carl Oscar Krogh brutal ermordet. Er hat im Nachkriegsnowegen eine wichtige Rolle gespielt, war Politiker und Minister. Bergmann sieht eine Verbindung zwischen dessen Ermordung und den Toten in der Nordmarka.
Tommy Bergmann verfolgt diesen Zusammenhang gegen alle Widerstände seiner Vorgesetzten, die hier keine Verbindung sehen wollen. Aber er verbeisst sich in diesen fast aussichtslosen Fall, in dem alles ganz anders ist, als es zunächst erscheint.
Fazit: Grad SVEEN verwebt hier packend Ereignisse aus der deutschen Besetzung Norwegens mit ihrer Ausstrahlung und ihren Folgen für die Gegenwart und den Überlebenden aus dieser Zeit. Der Roman spielt auf drei Zeitebenen - dem zweiten Weltkrieg und der Besatzungszeit, der Nachkriegszeit und der Gegenwart. Er zeigt plastisch, daß die Dinge niemals einfach so waren, der Verlauf der Fronten nicht immer klar und eindeutig. Die Handelnden haben ein plausibles Gesicht und Emotionen, die auch querlaufend sein können. Und als Außenstehender begreift man, warum die Zeit der deutschen Besetzung noch immer eine Narbe im norwegischen Selbstbewußtsein ist, die immer wieder schmerzen kann.
Ein spannender Krimi und ein beeindruckendes Dokument aus einer Zeit, die noch immer nicht ganz vorbei zu sein scheint.

Das Orchester spielte eine Melodie nach der anderen, gerade hatten sie mit einer Jazznummer begonnen, die Schreiner als Negermusik bezeichnete. Trotzdem schien das Stück Wirkung auf ihn zu haben (...)
Obwohl sie das alles zum Kotzen fand, machte Agnes wieder einmal gute Miene zum bösen Spiel und kümmerte sich um Jordals Freundin. Ein Flittchen, geistlos und oberflächlich, das sich vom Geld und der Weltgewandtheit alter Nazis verführen ließ.
Agnes ließ ihren Blick durch das mehr als zur Hälfte gefüllte Lokal schweifen. Die Tische standen auf zwei Ebenen, und das Orchester thronte an einer Seite des Saals. Eine unselige Mischung aus norwegischen Nazis, ein paar wenigen guten Norwegern, die ihr Geld für einen Abend im besten Tanzlokal der Stadt zusammengekratzt hatten, und einer kleineren Horde deutscher Offiziere mit jungen Frauen im Schlepptau, die ihr aufs Haar glichen.

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