Weihnachtskerzen

„Winter lässt sein graues Band / Wieder flattern durch die Lüfte; / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land”
Eduard Mörike (1804-1875), dt. Lyriker


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LeseTipp: Bergsveinn BIRGISSON, Paarungszeit.

Island/Roman/

 Bergsveinn BIRGISSON: Paarungszeit. Bergsveinn BIRGISSON: Paarungszeit.
(Svar vid bréfi helgu., 2011)
110 S, ISBN: 978-3-86930-358-1
Göttingen: Steidl, 2011

Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Bjarni Gíslason ist mit Unnur verheiratet, die aber aufgrund einer verpfuschten Operation kein Sexualleben und damit auch keine Kinder haben kann. In ihm entsteht ein starkes sexuelles Begehren für seine Nachbarin Helga, das schließlich Erfüllung findet. Als jedoch Helga von ihm schwanger wird und vor die Entscheidung stellt, das Kind anzuerkennen und mit ihr nach Reykjavík zu ziehen, verzichtet er. Er kann oder will sich ein Leben in der Stadt nicht vorstellen, meint, dort zu verwelken. Er ist Bauer, lebt in einer kleinen Gemeinde im Norden Islands, und glaubt, nur so leben zu können: mit der Natur und den Tieren. Bei den Amerikanern - der Roman spielt in den 1940/50er Jahren - will er nicht arbeiten. Und vielleicht will er Unnur auch nicht verlassen.
Aber ist es mehr als sexuelles Begehren, das er für Helga empfindet, ist es tatsächlich Liebe? In dem Brief, den er als alter Mann, sein nahendes Ende bereits vor Augen, an Helga schreibt (sie wird diesen Brief niemals öesen, denn sie ist bereits verstorben), beklagt er eigentlich nur den Verlust der Lust, der Befriedigung, der sexuellen Extase, die er mit ihr erlebt hat. Denn als er nach vielen Jahren von der inzwischen geschiedenen und nach Reykjavík gezogenen Helga einen Brief mit der Auffordeung bekommt, zu ihr zu kommen, nützt er diese Möglichkeit zum zweiten Mal nicht. Ja, er antwortet ihr nicht einmal.
Diese Geschichte des Begehrens bildet in den ersten zwei Dritteln des Briefromans eigentlich nur den Hintergrund für die Schilderung das ländlichen Lebens im Norden Islands, mit alle seinen Härten, aber auch seinen Freuden. Im letzten Drittel verliert sich der Roman jedoch in Selbstmitleid und Bejammern des eigenen Lebens. Und in dem Versuch der Rechtfertigung dafür.
Fazit: Dem literarisch sehr starken Haupteilt des Romans folgt im letzten Drittel nur noch die Klage um den Verlust der sexuellen Erfüllung und eine selbstmitleidige Selbstbespiegelung. Liebe kommt erst im letzten Satz vor.

Der Sonnenstrahl tauchten den Hang derart ins Licht, dass er mir wie ein Fingerzeig vom großen Geist andernorts vorkam, weshalb ich zu weinen begann, der senile Alte, der ich bin, gestrandet zwischen zwei Grashöckern auf Island, den Helga-Þúfur, und ich begriff, dass das Böse am Leben nicht die harten Spitzen sind, die einen stechen und verletzen, sondern ein weicher Ruf der Liebe, dem man nicht folgt - der teure Brief, den man zu spät beantwortet, denn jetzt sehe ich es deutlich, im letzten Licht, dass ich dich auch liebe.

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