LeseTipp: Viktor Arnar INGÓLFSSON, Haus ohne Spuren.

Island/Krimi/

 Viktor Arnar INGÓLFSSON: Haus ohne Spuren. Viktor Arnar INGÓLFSSON: Haus ohne Spuren.
(Engin spor., 1998)
364 S, ISBN: 978-3-404-92252-9
BLT 92252
Bergisch-Gladbach: Bastei-Lübbe TB, 2007

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Es gibt zwei wesentliche Parallelen im Leben von Vater und Sohn Jacob Kieler: beide waren von einer Idee besessen, der sie alles unterordneten, beide starben auf die gleiche Weise. Kieler senior, zum Eisenbahningenieur u.a. in Deutschland ausgebildet, wollte auf Island in den 30er-Jahren eine Eisenbahn bauen. Da es ihm nicht gelang, staatliche Unterstützung dafür zu erhalten, wollte er den Plan mit deutschen Investoren umsetzen. Schienen und Schwellen standen in Norwegen, zwei Lokomotiven und Waggons in Hamburg bereit zur Verschiffung. Doch der Ausbruch des 2. Weltkrieg durchkreuzte diese Pläne und brachte ihn in schwere finanzielle Probleme. Kurz nach Ende des Krieges starb Jacob Kieler sen. Die Eisenbahn, sein Lebenstraum, wurde nie gebaut.
Auch Jacob Kieler jun. ist von einer Idee besessen. Er will das Haus seiner Eltern unverändert als Museum des Lebens einer bürgrelichen Familie im frühen 20.Jahrhundert erhalten. Er läßt auch keinerlei Veränderungen oder Modernisierungen im Haus zu. Aber die Stadt Reykjavík ist nicht besonders interessiert und vor allem nicht bereit, dieses Vorhaben zu finanzieren - und Jacob Kieler steht, wie sein Vater, vor dem finanziellen Ruin.
Der Autor baut seinen in den 1970er-Jahren spielenden Roman sehr ruhig auf. Die polizeilichen Ermittlungen werden sehr exakt geschildert, Einschübe aus den Tagebüchern von Kieler sen. veranschaulichen dessen Lebensweg. Wie schon im vorhergehenden Roman "Das Rätsel von Flatey" nimmt die Schilderung des Umfeldes mehr Raum ein als die Krimihandlung, die dahinter zurücktritt. Leider brachte dieser Erzählstil und die Verortung des Themas in einem zurückliegenden Zeitraum Viktor Arnar Ingólfsson nicht den erhoften Erfolg, so daß er sich in den späteren Romanen dem konventionellen Erzählfluß zuwandte.
Der historische Hintergrund stimmt: In den 1930er-Jahren gab es in Island Pläne, eine Eisenbahn zu bauen, die allerdings nicht realisiert wurden. Tatsächlich wurde in Island zwei Mal eine Feldbahn errichtet: das erste Mal 1913 anlässlich des Ausbaus des Hafens von Reykjavík mit einer Gesamtlänge von 12 km. Die Anlage war bis 1928 in Betrieb, die Schienen wurden im 2. Weltkrieg entfernt. Die zweite Eisenbahn wurde beim Bau des Kárahnjúkar-Kraftwerks Anfang dieses Jahrhunderts errichtet, aber nach Fertigstellung wieder abgebaut.
Fazit: ein ruhiger Roman, der vor allem durch die historische Perspektive gewinnt.

20. Juni 1939: Mit der Post heute Morgen kam eine Fotografie unseres Zuges, die Matthías gemacht hat. Ich habe sie Þórður und Kristján gezeigt, sie aber dann eingeschlossen. Die Zeit ist noch nicht reif dafür, die Sache publik werden zu lassen...

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