LeseTipp: Marco MALVALDI, Das Nest der Nachtigall.

Toskana/Historischer Krimi/

 Marco MALVALDI: Das Nest der Nachtigall. Marco MALVALDI: Das Nest der Nachtigall.   Neu 
(Odore di chiuso., 2011)
221 S., ISBN: 978-3-86612-312-0
München-Zürich: Pendo, 2012

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Es war nicht das Dienstmädchen.
Pellegrino Artusi, Verfasser des 1. italienischen Kochbuches, ist Gast auf dem Schloss des 7. Barons von Roccapendente, Baron Bonaiuti. Während die Bewohner des Schlosses mit Interesse die Ankunft des Gastes erwarten - Koch? Verfasser eines Kochbuchs? -, ist Gaddo, ein Sohn des Barons, bitter enttäuscht. Er hatte mit der Ankunft eines berühmten Dichters gerechnet, dem er - er versteht sich selbst als Dichter - einige seiner Gedichte übersandt hatte und nun auf eine Reaktion wartet.
Das Abendessen verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Artusi, begeistert von der Thunfischpastete, lässt sich von der Köchin das Rezept geben. Am nächsten Morgen wird der Majordomus Teodoro tot aufgefunden - vergiftet, wie die Untersuchung des herbeigerufenen Arztes ergibt. Daher muß Kommissar Artistico informiert werden - die adeligen Bewohner sind darob empört. Noch während er mit den Untersuchungen beschäftigt ist, wird auf den Baron ein Schußattentat mit einer Schrottflinte verübt, das ihn zum Glück nur leicht verletzt. Die Schuldige, das Dienstmädchen Agatina, wird bald überführt. Es scheint, als hätte der Giftanschlag eigentlich dem Baron gegolten. Und da Agatina schwanger ist, könnte sie sich vielleicht für den sexuellen Übergriff gerächt haben. Doch dann kommt alles ganz anders.
Fazit: Marco MALVALDI, bekannt durch seine Serie um den Barista Massimo, hat hier einen köstlich-ironischen Roman aus der Welt des mittleren Adels in der Toskana vorgelegt. Das vereinigte Italien ist nicht lange zuvor entstanden, und der Adel hat teilweise seine Privilegien verloren und muß sich der gesamtstaatlichen Gewalt unterordnen. Nicht unbedingt einfach. Pellegrino Artusi ist eine historische Person, der Roman auch eine Homage an den Verfasser des 1. italienischen Kochbuchs.

Wir sprechen hier von einer Epoche, in der Italien gerade Form annimmt, und das Bewusstsein der Menschen richtet sich mit flammender Leidenschaft auf die Politik. Es sind Jahre, in denen über die Einheit diskutiert wird, über die Verfassung, die Bürgerrechte und die Freiheit. Bedauerlicherweise sind allerdings auch erst zwei Jahre vergangen, seit Neuseeland, das genau auf unseren Antipoden liegt, den Frauen als erstes Land der Welt das Wahlrecht zuerkannt hat. Unsere Cecilia wird als Italienerin noch einundfünfzig Jahre warten müssen, um wählen gehen zu dürfen, vorausgesetzt, sie überlebt die Cholera, zwei Weltkriege sowie die drei oder vier Geburten, die ihr vermutlich bevorstehen. Vorerst genießt sie weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Ihre einzige Möglichkeit, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten, bestünde darin, bei einem gescheiterten Vergewaltigungsversuch ums Leben zu kommen: In dem Fall würde sie mit hoher Wahrscheinlichkeit durch allgemeine Akklamation heiliggesprochen. Man kann es also nicht anders sagen, als dass ihre Karrierechancen ein wenig beschränkt sind.

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