LeseTipp: Gerhard FRITSCH, Moos auf den Steinen.

Marchfeld/Roman/

 Gerhard FRITSCH: Moos auf den Steinen. [Bilderreisen-Rezension Nr. 700] Gerhard FRITSCH: Moos auf den Steinen. [Bilderreisen-Rezension Nr. 700]   Neu 
(zuerst 1956), 258 S., ISBN: 978-3-9503318-2-0
Mattighofen: Korrektur, 2014

Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Untergang und Wiederauferstehung einer Welt.
"Schwarzwasser" ist ein verfallendes Schloss im Marchfeld nahe den Donauauen. Der Schlossherr, der ehemalige k. und k. Major Baron Suchy-Sterneberg, hat als Verwalter das Gut zu wirtschaftlicher Blüte geführt und schließlich die Schlossherrin Melanie geheiratet. Aber diese starb bald bei der Geburt des zweiten Kindes und ruht in der Gruft der Reichsgrafen von Trausnitz. Damit und mit dem Untergang der Monarchie erschlosch der Elan des Barons. Die Ländereien mussten verkauft werden, der Gutshof ist abgebrannt, das Schloss verfällt. Der Baron, seine Tochter Jutta und Kathi, die letzte Bedienstete, leben in dieser Ruine, die in manchen Zimmern noch die Spuren der einstigen Herrlichkeit lebendig werden lässt. Auch die russische Besatzung - wir schreiben aktuell das Jahr 1956 - hat ihre Spuren hinterlassen: den Ahnenporträts im Stiegenaufgang wurden die Augen ausgestochen, Jutta wurde vermutlich vergewaltigt, wie an einer Stelle angedeutet wird.
Als sie weiterzogen, brannten sie auch das Gesindehaus nieder. Mich wollten sie mitnehmen, bis einer kam, mir einen Mantel gab und die anderen zurückstieß. ,Du heimgehen', hat er gesagt, ,verschweigen — nix aussagen.' Ich hatte nicht mehr die Kraft, in die Flammen zu laufen.
Der Major hat eigentlich nur noch ein Ziel. Er möchte den großen Roman über den Untergang der Monarchie, das Ende des Habsburgerreiches und damit seiner Welt, schreiben. Er soll den Radetzkymarsch von Joseph Roth übertreffen. Tausend Biografien hat er dafür entworfen. Aber der Roman kommt über die Überschrift Moos auf den Steinen auf dem Etikett eines Schulheftes nicht hinaus.
"Es wäre ein gewaltiges Werk geworden, ein Roman, länger als „Krieg und Frieden". Er hätte es leisten können, leisten müssen, es kam jedoch nie zur ersten Zeile des ersten Kapitels. Seine Pläne, sein Zettelkatalog mit den tausend Schicksalen, füllten einen Schubladkasten, aber er begann sie nie auszuwerten."
Der aufstrebende Dichter-Schriftsteller-Journalist Dr. Mehlmann hat es geschafft, sich mit Jutta zu verloben. Er hat große Pläne mit dem Schloss, das er renovieren und restaurieren und zu einem Kulturzentrum machen will. Dem alten Baron ist klar, daß das zu einer Zerstörung der Aura des Schlosses führen wird, glaubt aber, Juttas Zukunft damit sichern zu können. Gemeinsam mit Petrick, seinem - wahrscheinlich einzig echten - Freund, die zusammen irgendwie den 2. Weltkrieg überlebt haben, fährt Mehlmann nach Schwarzwasser, um seine Beziehung zu Jutta zu festigen und den alten Baron für seine Pläne zu gewinnen. Petrick ist ein erfolgloser Dichter, der sich mit Gelegenheitsarbeiten und als Vertreter durchschlägt.
Der Baron ist mit Mehlmanns Plänen einverstanden. Aber die Beziehung zu Jutta läuft nicht wie erwartet, da sich Jutta und Petrick ineinander verlieben. Und zum ersten Mal in seinem Leben kommen Mehlmann Zweifel an seinem Tun, ja seinem Leben.
Fazit: Gerhard FRITSCH, der zu früh aus dem Leben geschiedene österreichische Schriftsteller, legt mit diesem Roman anhand eines (fiktiven) Marchfeldschlosses eine Parabell zur österreichischen Geschichte vor: Untergang der Monarchie und des Habsburgerreiches, Dahindämmern und Verfall in der Zwischenkriegszeit und dem Dritten Reich, Versuch der Restauration. Aber diese bleibt Nostalgie, eine Wiederauferstehung gibt es nicht. Der alte Baron will verschwinden wie seine Welt. Jutta und Petrick sind die Zukunft, sie wollen etwas Neues wagen. Wird es gelingen?

Das Moos auf den Steinen, auf den zerbröckelnden Steinen der Donaumonarchie, das Moos auf den Steinen zerfallender Bahnhöfe in der Bukowina, auf den Steinen der verwahrlosten Karlsbader Promenaden, das Moos, das wächst an den Mauern der Schlösser, Kasernen, Schulen und Verwaltungsgebäude von einst. Das Moos, das auch an den feuchten Grundmauern von Schwarzwasser wächst. Das Moos, der weiche Polster der Vergänglichkeit über den Steinen, die nicht mehr Österreich sind. Österreich, das die einzige Herrschaft war, die wenigstens eine Zeitlang annähernd gerecht und milde über eine Vielzahl von Völkern regiert hat.

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