LeseTipp: John STEINBECK, Russische Reise.

UdSSR/John Steinbeck/Reisebericht/

 John STEINBECK: Russische Reise. Mit Fotografien von Robert Capa. John STEINBECK: Russische Reise. Mit Fotografien von Robert Capa.
(A Russian journal., 1948)
297 S., ISBN: 978-3-940111-84-5
Zürich: Unionsverlag, 2013

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

1947, am Beginn einer paranoiden Zeit der Kommunistenverfolgung, die man später als McCarthy-Ära bezeichnen wird, beschließt John Steinbeck, in die Sowjetunion zu reisen. Er will sich ein Bild der Menschen und der Lebensweise machen, die in den amerikanischen Medien verzerrt dargestellt wird. Aber er will jeden politischen Bezug auslassen und keine Kritik am politischen System üben. Zur Dokumentation nimmt er den aus dem spanischen Bürgerkrieg bekannten Fotografen und persönlichen Freund Robert Capa mit. Überraschenderweise gelingt es Beiden, die notwendigen Einreiseerlaubnisse und die Einfuhrgenehmigung für eine umfangreiche Fotoausrüstung zu erhalten.
In Moskau sitzen Steinbeck und Capa zunächst einmal fest. Die offiziellen Stellen und potentiellen Ansprechpartner wissen nichts von ihnen und ihrer Reise, es muß erst geklärt werden, wer für sie zuständig ist. Und dann gilt es, Reisegenehmigungen für innersowjetische Reisen und Fotografie-Genehmigungen zu erhalten. Das ist in der stalinregierten UdSSR gar nicht einfach, denn Ausländern ist es nicht erlaubt, im Land herumzureisen. Und für alle Reisen ist ein Begleiter erforderlich.
Zunächst besichtigen sie in Begleitung Moskau. Sie lernen Geschäfte und Restaurants kennen, in denen man günstig mit Marken einkaufen oder essen kann, und sogenannte freie Läden, die sehr teuer sind. Versorgungsmängel sieht Steinbeck offenbar nicht.
Die erste Reise führt in die Ukraine, nach Kiew und zu zwei Kolchosen. Steinbeck bewundert den Geist des Aufbaus und die Empathie der Menschen. Wenn auch verschiedene Güter - vor allem Maschinen für die Landwirtschaft und die Bauwirtschaft - noch nicht vorhanden sind, so lassen sich die Menschen davon nicht unterkriegen. In Steinbecks Beschreibung sind die Kolchosen der freiwillige Zusammenschluß von Bauern, die auch über eigenes Land verfügen, ihre Waren frei verkaufen und die Erträge teilen. Es könnte sich auch um Genossenschaften handeln, wie sie im freien Europa durchaus üblich sind.
Die weiteren Reisen führen Steinbeck und Capa in das völlig zerstörte Stalingrad, in dem deutsche Kriegsgefangene Aufbauarbeit leisten, und nach Georgien, das von Krieg völlig unberührt blieb. Sie besuchen unzählige Museen, die für die Identitätsbildung der Sowjetunion offenbar sehr wichtig sind, verschiedene Betriebe und landwirtschaftliche Einrichtungen. Überall gibt es Unmengen von Essen und Wodka, die Menschen sind vergnügt und voller Optimismus - und damit ähnlich den Amerikanern. Ihre Vorstellungen vom richtigen politischen System unterscheiden sich natürlich, aber alle wollen den Frieden und fürchten einen Angriff der USA.
Fazit: John Steinbeck ist ein guter und genauer Beobachter, wie er schon in seinen sozialkritischen Romanen über die USA gezeigt hat. Aber ist er auch ein naiver Beobachter, der das, was man ihm zeigt, nicht weiter reflektiert? Er will das Politische auslassen und sich auf das Menschliche beschränken - was in der Sowjetunion kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und zu Beginn des Kalten Krieges kaum möglich ist. Die zuständigen Stellen nehmen zwar keinen direkten Einfluss auf die Darstellung Steinbecks - wie sollten sie auch -, aber sie beeinflussen sie doch indirekt über das, was sie ihm zeigen, und was nicht.
Capas Bilder wurden in einem überraschenden Ausmaß freigegeben. Aber er durfte nicht immer fotografieren, und einige Bilder, unter anderen von den deutschen Kriegsgefangenen, blieben in der Zensur hängen. Leider tut der Druck der beigefügten Fotos auf Normalpapier diesen nicht gut, und Bildunterschriften fehlen völlig. Aber es ist ja auch kein Bildband, sondern ein Reisebericht mit Bildern. Und die Darstellung des Alltags in der Sowjetunion kurz nach dem Krieg, geschönt oder realistisch, ist auf jeden Fall sehr interessant zu lesen.

Und wenige Meter weiter befand sich ein kleiner Hügel ähnlich dem Eingang eines Erdmännchenbaus. Und früh an jedem Morgen krabbelte ein Mädchen daraus hervor. Sie hatte lange Beine und war barfuß, und ihre Arme waren dünn und sehnig, und ihr Haar war verfilzt und schmutzig. Sie war vom Schmutz mehrerer Jahre bedeckt, weshalb sie sehr braun aussah. Und wenn sie das Gesicht hob, zeigte sich eines der schönsten Gesichter, die wir je gesehen hatten. Ihre Augen waren listig, wie die eines Fuchses, aber sie waren nicht menschlich. Das Gesicht war normal entwickelt und nicht debil. Irgendwann während der Schrecken des Kampfes um die Stadt war etwas in ihr zerbrochen, und sie hatte sich in den Trost des Vergessens zurückgezogen. [...] Und als sie an dem Brot nagte, verrutschte eines der Enden ihres zerlumpten, schmutzigen Umschlagtuchs und entblößte ihre junge Brust, und automatisch zog ihre Hand das Tuch zurecht und bedeckte die Brust und rückte sie mit einer herzzerreißenden, weiblichen Geste zurecht.
Wir fragten uns, wie viele dieser Menschen es geben mochte, Seelen, die es nicht länger ertrugen, im 20. Jahrhundert zu leben, und die sich zurückgezogen hatten...

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