LeseTipp: Andrea CAMILLERI, Das Netz der großen Fische.

Sizilien/Krimi/

 Andrea CAMILLERI: Das Netz der großen Fische. Andrea CAMILLERI: Das Netz der großen Fische.
(La rizzagliata., 2009)
218 S., ISBN: 978-3-7857-2418-7
Köln: Lübbe, 2011

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Sizilien ohne Montalbano.
Es ist gar nicht einfach, der Programmdirektor des staatlichen Fernsehens RAI in Palermo zu sein. Was tun, wenn man die Meldung erhält, die Verlobte des Sohnes eines einflußreichen Politikers sei ermordet worden? Da sind eigene Nachforschungen notwendig und Fingerspitzengefühl erforderlich. Caruso hält die Meldung zunächst zurück, weil er nicht abschätzen kann, wer wie davon betroffen ist. Und er steht selbst auf der anderen Seite. Seine Frau, die sich von ihm getrennt hat, ist die Tochter eines einflußreichen Senators, der ein politischer Gegner des einflußreichen Politikers ist.
Von objektiven polizeilichen Ermittlungen kann da natürlich nicht die Rede sein. Alle werden benutzt in dem Spiel, das die wirklichen Machthaber auf der Insel inszenieren, um ihre politischen Interessen umzusetzen. Es gibt eine Verhaftung, doch der Haftrichter stellt sich gegen den Staatsanwalt. Der ermittelnde Kommissar wird ausgetauscht, die Verteidiger stehen jeweils der Gegenseite nahe. Am Ende wird natürlich ein Täter gefunden - aber ist er wirklich der Mörder?
Fazit: Großartig, von Montalbano unbelastet, breitet Camilleri hier die sizilianische Realität aus, mit all ihren Winckelzügen und Wendungen, Allianzen und Nebengeräuschen. Wenig ist so, wie es scheint. Auch Liebe und Sex werden als Mittel eingesetzt. Und am Ende versichert Camilleri treuherzig, das Alles sei nur seiner Phantasie entsprungen, denn er wisse gar nichts über die Arbeit bei Fernsehstationen, Banken und die Ermittlungen der Polizei. Näher an der Wirklichkeit kann eine Satire kaum sein.

Lamantia, der immer noch so dastand, wie er ihn verlassen hatte, war nur noch ein undeutlicher Schatten. Während er zurückblickte, sah er ein Auto dicht neben dem Bürgersteig anhalten. Gabrieles Schatten verharrte reglos.
Aus dem Wagen stiegen zwei weitere Schatten und eilten auf Lamantia zu.
Dann führten diese drei Schatten eine Art lautloses Ballett auf, verknäulten sich ineinander, bewegten sich ein wenig nach links, dann ein wenig nach rechts, verschmolzen zu einem einzigen großen Schatten, der zu atmen schien, sich ausdehnte und wieder zusammenzog. Dann hatte Caruso den Eindruck, als würde der immer noch gestaltlose Schatten von dem Auto eingesaugt, dessen hintere Türen offen standen. Er verschwand darin, das Auto fuhr los und machte eine Kehrtwende.
Genau in diesem Augenblick wurde Michele, der plötzlich schweißgebadet war, klar, dass er Gabriele Lamantia nie wiedersehen würde.

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