LeseTipp: Andrea CAMILLERI, Der Märtyrer im schwarzen Hemd.

Sizilien/Faschismus/Historischer Roman/

 Andrea CAMILLERI: Der Märtyrer im schwarzen Hemd. Andrea CAMILLERI: Der Märtyrer im schwarzen Hemd.   Neu 
(Privo di titolo., 2005)
259 S., ISBN: 978-3-492-04883-5
München: Piper, 2007

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Vom Faschisten zum Märtyrer.
Drei junge Faschisten nutzen die Gelegenheit, dem stadtbekannten Kommunisten Michele Lopardo in einer dunklen Gasse aufzulauern, um ihn zu verprügeln. Doch die Situation gerät außer Kontrolle, Lopardo fürchtet schließlich um sein Leben und gibt aus seinem Revolver zwei Schüsse ab. Dabei wird der Faschist Gigino Gattuso durch einen Kopfschuss tödlich verletzt. Der verwirrte und verletzte Lopardo wird von einer Carabineri-Streife aufgegriffen und bestreitet die Schüsse auch nicht. Allerdings wollte er nur Warnschüsse abgeben.
Die Tötung Gattusos, der unverzüglich zum Märtyrer hochstlisiert wird, heizt die ohnehin angespannte Situation zwischen den Faschisten und Kommunisten weiter auf. Es kommt zu Unruhen, und die königlichen Carabineri können einen Lynchmord an Lopardo gerade noch verhindern. Die Erkenntnis, daß die Kugel im Kopf Gattusos nicht aus der Waffe Lopardos stammt, beruhigt sie auch nicht.
Die Ermittlungen werden zunächst von den Carabineri und der Polizei gemeinsam durchgeführt, wobei sich die Carabineri eher neutral verhalten, die Polizei jedoch unter faschistischem Einfluß steht. Schon bald gelingt es dem leitenden Polizeibeamten, die Ermittlungen mit einem Trick an sich zu ziehen. Und vor dem Hintergrund der Machtübernahme Mussolinis sind sie natürlich nicht objektiv. Umso verwunderlicher das Urteil im Prozeß gegen Lopardo, der vier Jahre nach der Tat endlich durchgeführt wird.
Fazit: Andrea Camilleri ist ein sehr produktiver Autor, der neben der bekannten Serie mit Commissario Montalbano noch zahlreiche andere Bücher geschrieben hat, in denen er sich mit dem "Geist" Siziliens auseinandersetzt. Hier geht es um die Auseinandersetzung Kommunisten - Faschisten, die in Italien tiefe Gräben hinterlassen hat und in leicht veränderter Form teilweise bis heute nachwirkt. In keinem westlichen Land Europas war die Kommunistische Partei so stark.
Das Bild, das Camilleri von den Faschisten zeichnet, spricht für sich selbst. Ein junger Mann, der gemeinsam mit zwei anderen, ebenso herausragendenden Mitgliedern der faschistischen Gesellschaft, die heldenhafte Tat unternimmt, einen kommunistischen Politiker zu verprügeln und dar dabei versehentlich zu Tode kommt, wird zum (einzigen) faschistisdchen Märtyrer Siziliens hochstilisiert und zwanzig Jahre lang verehrt. Und geschickt flicht Camilleri noch die Geschichte von Mussolina, einer Phantomstadt zu Ehren Mussolinmis nahe Caltagirone, ein. Da sieht man, was von den Rechten zu halten ist.

Im Zeitraum einer Arbeitswoche, von sieben Uhr früh bis zum Einbruch der Dunkelheit, ist die Piazza aus Holz und Sperrholz, ausschließlich von vorn betrachtet, ein wahres Wunder geworden - großartig. Fotografiert wirkt sie sogar noch besser. Nach Beendigung der Arbeit auf der Lichtung im Wald von Santo Pietro wird innerhalb von drei Tagen alles wieder abgebaut, und von der Fassadenstadt bleibt auch nicht ein Holzsplitter oder ein Nagel übrig.
[...]
Am nächsten Morgen liegt das Album auf Mussolinis Schreibtisch. Als dieser die Fotografien der Stadt sieht, die seinen Namen trägt, ist er fast zu Tränen gerührt.

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