LeseTipp: Kristín Marja BALDURSDÓTTIR, Möwengelächter.

Island/Roman/

 Kristín Marja BALDURSDÓTTIR: Möwengelächter. Kristín Marja BALDURSDÓTTIR: Möwengelächter.
(Mávahlátur., 1995)
345 S, ISBN: 978-3-596-19279-3
TB 19279
Frankfurt: Fischer TB-Verlag, 2011

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Ohne Vorwarnung kehrt eines Tages Freyja aus Amerika zurück, nachdem ihr Mann dort gestorben ist. Sie bringt nicht nur das Leben der Familie - die dreizehnjährige Agga, ihre Großmutter, deren zwei Töchter und Schwester - gehörig durcheinander, sondern auch die Bewohner des kleinen Ortes. Nur Großvater, als Seemann nur wenig an Land, läßt sich nicht beeindrucken. Agga mißtraut ihrer Tante Freyja von Anfang an, und sie ist ihr nicht besonders sympatisch. Sie spioniert ihr nach, und entdeckt sie bei langen nächtlichen Spaziergängen scheinbar ohne Ziel und bei Freßorgien im Keller, wo sie das sonst verschmähte Fleisch in sich hineinstopft - und dann erbricht.
Als der gewalttätige Gatte von Freyjas Freundin Dísa durch einen Wohnungsbrand ums Leben kommt, hat Agga ihr Tante im Verdacht. Sie will Magnús, den Dorfpolizisten, auf die Spur ansetzen - aber auch der verfällt Freyja.
Freyja angelt sich die beste Partie des Ortes, den Sohn des Arztes, der eigentlich schon mit der Sportlehrerin so gut wie verlobt war. Kurzum, sie sorgt für Unruhe in diesem etwas verschlafenen Dorf, und ist nicht bereit, sich den Konventionen anzupassen.
Der Autorin gelingt eine interessante Beschreibung dieses Ortes in der Nähe von Reykjavík und des Lebens seiner Bewohner. Vermutlich in den 1960er-Jahren angesiedelt, als es den Bewohnern langsam besser zu gehen beginnt, erfährt man von den sozialen Klüften, der Bedrohung durch steigende Preise, von der Rationierung des Fisches und den Lebensmittelmarken, von Streiks - von einem ganz alltäglichen und doch fremden Leben. Die Bedrohung durch die Natur und das Meer sind immer gegenwärtig.
Und betrachtet wird all dies durch die Augen der heranwachsenden Agga, die die Schwelle vom Mädchen zu Frau überschreitet und zusätzlich zu den äußeren Unsicherheiten auch noch mit ihren inneren fertig werden muß.
Fazit: Eine sehr einfühlsame Erzählung über das kleinstädtische Island.

Doch als nach dem Wettrudern die Mannschaftsführer der siegreichen Teams zu Siegerpodest geführt wurden, um stellvertretend für ihre Ruderer die Trophäen im Empfang zu nehmen, verschwand der liebenswürdige Ausdruck aus ihrem Gesicht. Die Mannschaftsführer waren Björn Theodór und Birna, die der Menge strahlend zulächelten und sich, wie es sich gehört, zum Sieg mit einem Kuss beglückwünschten. Keiner konnte sehen, dass der Dame aus Amerika dies missfiel, sie lächelte und klatschte wie die anderen, nur Agga erkannte den Blick und spürte die Kälte, die vom Körper dieser Frau ausströmte.

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