LeseTipp: Lars MYTTING, Die Glocke im See.

Norwegen/Historischer Roman/

 Lars MYTTING: Die Glocke im See. Lars MYTTING: Die Glocke im See.   Neu 
(Søsterklokkene., 2018)
482 S., ISBN: 978-3-458-17763-0
Frankfurt: Insel, 2019

Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Norwegen um 1880.
Die Bewohner von Butangen im abgelegenen Gudbrandsdal sind meist arm, sie frieren und hungern. Ihr Leben besteht aus harter Arbeit auf den Bauernhöfen, und die Perspektiven sind Heirat, Kinder und schließlich der Tod bei der Arbeit, vor allem für Frauen. Nur Astrid vom Hekne-Hof glaubt, daß es auch ein anderes Leben geben könnte. Sie ist intelligent, aufgeweckt und interessiert sich für das Leben jenseits der Dorfgrenzen. Mit dem neuen Pastor Kai Schweiggard, der noch jahrelang der "Neupfarrer" genannt werden wird, entwickelt sich eine eigenartige Beziehung. Er will vieles im Dorf verändern und strebt nach höheren Weihen. Und Astrid glaubt manchmal, daß er ihre Zukunft sein könnte.
Die zur Zeit der Christianisierung vor 700 Jahren erbaute Pfarrkirche erfüllt die neuen Vorschriften nicht mehr. Schweiggard möchte sie deshalb abbauen und eine neue Kirche errichten. Finanziert soll der Neubau durch den Verkauf der alten Kirche werden. Denn diese ist eine der letzten Stabkirchen Norwegens. Die Kunst- und Architekturakademie in Dresden möchte sie dokumentiert abbauen und in einem Park der Stadt wieder errichten. Der Student Gerhard Schönauer wird mit der Durchführung betraut
Allerdings gibt es mit Abbau und Abtransport ein kleines Problem: die sogenannten "Schwesternglocken". Vor langer Zeit wurden auf dem Hekne-Hof zwei zusammengewachsene Mädchen geboren. Diese waren sehr geschickt im Weben, und von den verkauften gewebten Bildern und Teppichen wurde der Hof wohlhabend - damals ausgedrückt in Silberbesteck. Die beiden Mädchen starben jung, und ihr Vater stiftete der Kirche zwei Glocken, zu deren Guß er all sein Silber beisteuerte: die Schwesternglocken. Die Dorfbewohner hatten ein mystisches Verhältnis zu den Glocken, die von selbst läuteten, wenn dem Dorf große Gefahr drohte.
Besonders Astrid setzt sich für den Verbleib der Glocken ein. Schließlich kann sie Schweiggard dazu überreden, die Glocken beim Abtransport durch die zu ersetzen, die für die neue Kirche bestimmt waren. Auch Schönauer, mit dem sie eine Liebesbeziehung entwickelt, kann sie dafür indirekt gewinnen. Und sie kann sich eine Zukunft mit ihm in Dresden vorstellen - wo die Nacht durch Laternen erhellt und das Dunkel verdrängt wird .
Fazit: Lars MYTTING erlaubt uns einen faszinierenden Rückblick auf das alte Norwegen lange vor dem Ölboom, seine Armut, seinen Aberglauben, aber auch seine Stärke, das Leben trotzdem zu meistern. Astrid ist das Symbol des Austritts aus dieser Enge und Vorbestimmtheit des Lebens. Aber es ist noch nicht ganz die Zeit für sie, die Laternen Dresdens zu sehen.

Astrid dachte an eine junge Frau vom Nachbarhof, die Älteste von neun Geschwistern. Deren Mutter schuftete, bis sie mit zweiundvierzig Jahren am Waschtrog tot umfiel. Am Tag nach der Beerdigung ging Astrid dorthin zu Besuch, und siehe da, ihre Freundin stand am selben Waschtrog, mit demselben Gesichtsausdruck wie ihre Mutter. Sie hatte keine Zeit zum Reden, und bald darauf heiratete sie den Ersten, der sie wollte. Vier Jahre später hatte sie zwei Kinder am Schürzenzipfel, ging mit dem dritten schwanger und hatte nur noch Verbitterung für das Leben übrig.
Ich will nicht, sagte Astrid zu sich selbst. Ich weigere mich.

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