LeseTipp: Leonardo PADURA, Das Meer der Illusionen.

El Conde/Cuba/Havanna/Krimi/

 Leonardo PADURA: Das Meer der Illusionen. Das Havanna-Quartett: Herbst. Leonardo PADURA: Das Meer der Illusionen. Das Havanna-Quartett: Herbst.
(Paisaje de otoño., 1998)
284 S, ISBN: 3-293-20374-4
Zürich: Unionsverlag, 2006

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Das Quartett schließt sich. Wie schon im ersten Band (Ein perfektes Leben) ist es wieder ein hoher Funktionär des Regimes, der zum Kriminalfall wird und dessen Weste bei näherer Betrachtung viele Flecken aufweist.
Miguel Forcade Mier, Leiter der Behörde für Enteignungen in der Provint Havanna und Vizedirektor im Ministerium für Wirtschaftsplanung und Aussenhandel, hatte sich vor elf Jahren bei einer Zwischenlandung in Madrid abgesetzt. Nun ist er als amerikanischer Staatsbürger zurückgekehrt. Offiziell, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Aber da scheint mehr dahinterzustehen, als wolle er etwas abholen und mitnehmen, was er bei seiner Flucht zurücklassen musste. Jetzt aber wird er ermordet am Strand gefunden, "und zwar an der Stelle, wo die Abwässer eingeleitet werden, schwarz von Scheiße, Pisse, Kotze und Menstruationsblut..."
Mario El Conde, Teniente bei der Kriminalpolizei in Havanna, hat sein Entlassungsgesuch abgegeben. Die Untersuchungen zur Korruption in der Polizei haben zu viele seiner Kollegen, denen er vertraut hatte, überführt. Auch sein Vorgesetzter, Major Rangel, musste gehen, weil er nicht eingegriffen hatte.
Für Conde ist das die perfekte Gelegenheit, den ungeliebten Polizeidienst zu verlassen, um sich endlich voll seinen schriftstellerischen Ambitionen zu widmen.
Aber der neue Chef bittet Mario, die Ermordung Forcades als allerletzten Fall zu übernehmen und aufzuklären. Was ihm nach zahlreichen Umwegen und Sackgassen auch gelingt, wenn auch fast zufällig. Denn wie schon zu Beginn vermutet, war es ein Rachemord, aber ohne politische Dimension.
Der Hurrikan Felix, der sich Havanna nähert, versinnbildlicht die Athmosphäre der Zerstörung, der Reinigung und des Neubeginns. El Conde wird 37, seine und seiner Freunde Träume, Hoffnungen und Erwartungen an die Revolution, in der sie sozialisiert wurden, sind zu Illusionen geworden, zu Schecks auf eine Zukunft, die niemals eingelöst wurden: "Aber keinem ist jemals in den Sinn gekommen, uns zu fragen, was wir eigentlich wollen." Die Wirtschaftspläne wurden nie erfüllt, die Korruption ist bei den Kleinen wie bei den Großen ein allgegenwärtiges Übel, alle Versprechungen sind wie von den Hurrikans verblasen. Von den vier Freunden werden Mario und Andrés den Ausbruch wagen, der dünne Carlos wird an seinen Rollstuhl gefesselt bleiben.
Padura rechnet mit der Entwicklung der Revolution ab. Er stellt sie nicht in Frage - aus Überzeugung oder aufgrund der Systemgrenzen, denen er unterliegt, wenn er weiterhin auch in Cuba publizieren will - aber die Enttäuschung seiner Generation über die verlorerenen Illusionen ist groß. Und nur der Rum kann über die Verbitterungen hinweghelfen.
Fazit: Der Krimi ist nur der Rahmen für ein dichtes Buch über die verlorenen Illusionen einer Generation.

Und El Conde schrieb die Geschichte auf, die Geschichte von einem Polizisten, von einem verwundeten jungen Mann, von einem Jungen, der ein berühmter Baseballspieler werden will und sich in eine zehn Jahre ältere Frau verliebt, von einem anderen Jungen, der sich vorgenommen hat, die Geschichte umzuschreiben, von einer schönen, unbeschwerten jungen Frau mit einem strammen, aber etwas zu dicken Po, von einem durch seine Zeit korrumpierten Schriftsteller: von einer Generation, die sich versteckt, einer verborgenen Generation.

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