LeseTipp: Leonardo PADURA, Labyrinth der Masken.

El Conde/Cuba/Havanna/Krimi/

 Leonardo PADURA: Labyrinth der Masken. Das Havanna-Quartett: Sommer. Leonardo PADURA: Labyrinth der Masken. Das Havanna-Quartett: Sommer.
(Máscaras., 1997)
269 S, ISBN: 3-293-20364-7
Zürich: Unionsverlag, 2006

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Wie schon im 2. Band des Havanna-Quartetts (Handel der Gefühle) tritt die Krimihandlung zurück und ist nur der Aufhänger für die Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem. Homosexuelle und Transvestiten sind bis heute Geächtete der kubanischen Gesellschaft, weil sie nicht dem Ideal des sozialistischen Menschen entsprechen, sondern die Repräsentation der bürgerlichen Dekadenz darstellen.
Padura ist durchaus mutig, sich dieses Themas anzunehmen und es so abzuhandeln. Teniente Mario Conde, der ja durchaus als Vertreter des Systems gelten kann und unzweifelthaft homophob ist, entwickelt sogar Sympathie für den schwulen Alberto Marqués, der indirekt eine Schlüsselrolle in dem Fall spielt.
Die Biografie des Marqués (Padura porträtiert hier den Dramatiker Virgilio Piñera und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zu dessen Rehabilitierung auf Kuba selbst) ist eine Anklage an die Sowjetisierung der Künstlerszene in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Den freien Geistern und homosexuellen Künstlern warf man "mangelnde Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus" und Individualismus vor, entfernte sie aus öffentlichen Positionen und führte sie der körperlichen Arbeit, der "Produktion", zu. Sie wurden zu Unpersonen, die nie erwähnt werden durften und die öffentlich nicht existierten. Exil oder Unsichtbarkeit waren ihre Alternativen.
In den Masken der Transvestiten spiegeln sich verzerrt die Masken der Revolution. Conde verliert im Lauf der Handlung die Sicherheit des Bezugsrahmens, in dem er sozialisiert wurde. Die Ideale der Revolution werden auf jeder Ebene verraten. Auch eines seiner Vorbilder im Polizeidienst, der Capitán Jesús Contreras, hat sich kaufen lassen. Was bleibt, sind Diebstähle und Überfälle, Morde und Vergewaltigungen.
Fazit: das sozialistische Ideal zerbröselt wie die Fassaden Havannas.

Jedes Mal, wenn El Conde sich daran erinnerte, überkam ihn ein Schamgefühl, das unauslöschlich in seinem Inneren eingraviert war und beinahe physische Reaktionen bei ihm hervorrief. Er verspürte ein krankhaftes Bedürfnis, ein erstickendes Verlangen, das herauszuschreien, was herauszuschreien er sich damals nicht getraut hatte, an jenem Tag, als sie zum Direktor zitiert wurden und man die Zeitschrift verbot und die Literaturwerkstatt dichtmachte. Sie wurden beschuldigt, idealistische Erzählungen zu schreiben, Erbauungsgedichte, kontraproduktive Theaterkritiken. Geschichten, die den aktuellen Bedürfnissen des Landes nicht gerecht würden, das es sich zur Aufgabe gemacht habe, den neuen Menschen zu schaffen und eine neue Gesellschaft aufzubauen...

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