LeseTipp: Tom BUHROW/Sabine STAMER, Gebrauchsanweisung für Washington.

USA/Washington, DC/Land & Leute/

Tom BUHROW/Sabine STAMER: Gebrauchsanweisung für Washington. Tom BUHROW/Sabine STAMER: Gebrauchsanweisung für Washington.
224 S., ISBN: 978-3-492-27613-9
Piper Taschenbuch 7613
München: Serie Piper, 2012

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Der Dritte im Bund.
Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick beschrieb der Kuriositäten des Amerikas der 1990er-Jahre aus der Sicht eines schon etablierten Universitätsprofessors. Ein mittlerweile etwas überholter, aber lehrreicher Einstieg in das amerikanische Verhaltensuniversum.
Adriano Sack sah und beschrieb Amerika mit den den Augen eines jungen Kreativen, der die Möglichkeiten und Chancen New Yorks zu nützen verstand und auch an der Westküste erfolgreich war. Nicht unbedingt die Welt des Durchschnittsbürgers, der die USA im Zugen einer Pauschalreise kennenlernt.
Sabine Stammer als freie Autorin und Tom Buhrow, zehn Jahre lang mit Unterbrechungen ARD-Korrespondent, zeigen uns das normale Leben und den Alltag in Washington, D.C. Sie wohnten in verschiedenen, aber natürlich gehobenen Vierteln der Stadt. Ihre beiden Töchter kamen hier zur Welt und gingen in die Schule - Krankenhaus-, Gesundheits- und Schulsystem. Öffentliche Schulen bekommen nur eine Grundvergütung. Sie sind gut, wenn sie in einer entsprechenden Gegend mit einer ausreichend situierten Elterschaft liegen. Denn alle Zusatzangebote müssen über entsprechende Fundraise-Aktionen finanziert werden.
In Washington, DC war von den 1950ern bis etwa 2010 die Mehrheit der Bevölkerung Afroamerikaner. Und natürlich war der Bürgermeister - der erst seit 1973 von den Bewohnern gewählt werden darf - immer ein Schwarzer. Nun aber beginnt die schwarze Mehrheit langsam zu schwinden, was auch eine Folge der Gentrifizierung ist. In verarmten Bezirken lassen sich junge Kreative nieder, Restaurants und Geschäfte folgen. Eine gehobenere Bevölkerungsschicht zieht ein. Damit steigen aber die Mieten, und die ursprünglichen Anwohner, eben meist Schwarze, können sich das Leben hier nicht mehr leisten und ziehen weg. Eine Entwicklung, die grundsätzlich positiv ist. Denn damit steigt die Sicherheit, Kriminalität und Drogenhandel werden verdrängt. Trotzdem ziehen kaum Schwarze aus der Mittelschicht in diese Bezirke, eine Vermischung von Schwarz und Weiß findet fast nur im Berufsleben statt. In der Freizeit bleiben die Wege meist getrennt.
Aber auch die amerikanische Sexualmoral lassen die Beiden nicht aus. So ist es etwa aus amerikanischer Sicht keine direkte Lüge, wenn der ehemalige Präsident Bill Clinton behauptete, keinen Sex mit seiner Praktikantin gehabt zu haben. Immerhin sind fast zwei Drittel aller Studentinnen und Studenten der Meinung, Oralverkehr sei keine sexuelle Handlung. Andererseites wurden sie ermahnt, ihrer fünfjährigen Tochter unter einem Rock noch eine Hose anzuziehen, damit die anderen Kinder ihre "private parts" nicht sehen könnten.
Fazit: Sabine Stamer und Tom Buhrow bieten einen umfassenden, unterhaltsamen und interessanten Einblick in die amerikanische Alltagskultur und seine zahlreichen Aspekte. Natürlich beschränkt auf DC, anderswo, etwa in den Weiten des Westens, wird wohl manches anders sein. Aber die USA sind ja letztlich nur ein Zusammenschluß von 50, teilweise kulturell sehr unterschiedlichen Staaten. Interessanterweise gibt es bisher im deutschsprachigen Raum keine "Gebrauchsanweisung" für den Süden oder den Westen der USA. Aber vermutlich sind das auch keine Gegenden, für die sich Europäer besonders interessieren. Vor allem der Osten und Kalifornien sind im Blickpunkt, und jetzt wird auch die Hauptstadt endlich aus dem zugeschriebenen Dornröschenschlaf geholt. Mit den drei Gebrauchsanweisungen versteht man, auch als Tourist, dieses Land und seine Bewohner etwas besser.

Jedes Jahr ziehen fünfzehn Millionen amerikanische Touristen nach Washington wie an einen Wallfahrtsort, um ihre Hauptstadt zu studieren und zu bewundern. Sie wollen sehen, wo ihr Präsident residiert, das Parlament tagt, oder beobachten, wie im Bureau of Engraving and Printing US-Dollars gedruckt werden. Sie erweisen John F. Kennedy die Ehre an seinem Grab auf dem Arlington National Cemetery. Sie bewundern frühere Präsidenten in Stein gemeißelt rund um die National Mall.

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