LeseTipp: Olen STEINHAUER, Der Anruf.

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 Olen STEINHAUER: Der Anruf. Olen STEINHAUER: Der Anruf.
(All the old knives., 2016)
270 Seiten, ISBN: 978-3-89667-554-5
München: Karl Blessing, 2016

Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

Leidenschaft ist bloß ein kleines Spiel.
Im Dezember 2006 wird am Flughafen Wien-Schwechat eine aus Amman kommende Maschine der Royal Jordan Airlines von einer islamistischen Gruppe entführt - Flug 127. An Bord befindet sich zufällig ein CIA-Agent, der als Kurier unterwegs ist und wertvolle Informationen über die Entführung liefert. Aber seine letzte SMS weicht stilistisch stark von den anderen ab, und dann wird er erschossen und aus dem Flugzeug geworfen.
Die CIA-Mannschaft an der US-Botschaft in Wien bemüht sich, gemeinsam mit den österreichischen Dienststellen, die Geiseln zu retten und zu befreien. Die Agentin Celia Favreau entdeckt, daß von der Nebenstelle ihres Chefs ein 27-Sekunden-Anruf nach Amman erfolgte, kurz vor der Ausschaltung des CIA-Agenten im Flugzeug. Aber sie erzählt niemanden davon. Und als die Geiselbefreiung scheitert und alle getötet werden, quitiert sie ihren Dienst bei der Agency, zieht nach Carmel-by-the-Sea in Kalifornien, heiratet und bekommt zwei Kinder.
Henry Pelham war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls als Agent im Außendienst in Wien tätig und versuchte, Kontakt zur terroristischen Szene zu halten. Zehn Jahre später zerrt ein ehrgeiziger Mitarbeiter die Ereignisse um Flug 127 wieder ans Tageslicht, und Henry wird mit der Untersuchung betraut. So fliegt er auch nach Carmel, um Celia zu befragen. Allerdings hatte er damals eine einjährige Liebesbeziehung mit ihr, wollte ein gemeinsames Leben beginnen. Aber nach den Ereignissen hatte sie ihn und die Agency ohne weitere Begründung verlassen. Irgendwie hofft Henry auf eine Auferstehung der Beziehung, trotz der Kinder und des Ehemanns. Aber die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung ist zu gering, und daher hat er einen Plan B.
In einem leeren Restaurant in Carmel kommt es zur entscheidenden Begegnung, denn beide wollen die Angelegenheit endgültig erledigen. Aber jeder auf seine Art, und beide spielen mit gezinkten Karten.
Fazit: Olen Steinhauer liefert ein Meisterstück an Doppelbödigkeit. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive Henrys, aber auch aus der Celias, so daß man nach und nach die Motive des Handelns der Beiden erkennen kann. Dennoch ist das Finale ein unerwarteter Schlag. Wieviel Gewicht kann Liebe tragen? Kann sie schwerer wiegen als Moral? Kann man das Unmögliche, Undenkbare damit rechtfertigen? Kann man Menschenleben gegeneinander abwägen? Ferdinand von Schirach verhandelt dieses Thema in seinem Theaterstück "Terror". Darf man einen opfern, um die anderen zu retten - oder umgekehrt? Steinhauer findet einen interessanten Ausweg aus diesem Dilemma - oder doch nicht?

Voller Hochachtung vor ihrer absoluten Selbstbeherrschung nicke ich zu ihrer Lüge. Was weiß sie? Sie weiß, weil ich es ihr erzählt habe, dass ich das Flughafenfiasko untersuche. Sie weiß, weil ich es angedeutet habe, dass ich die Telefonaufzeichnungen geprüft habe. Und trotzdem, wenn ich sie so ansehe mit dem schlanken Gelenk, das zu den Sehnen der völlig reglosen Hand führt, habe ich das Gefühl, dass sie völlig mit sich im Reinen ist. Oder sie spielt mir eine perfekte Komödie vor. Wieder wünsche ich mir, dass es mit uns anders gekommen wäre. Trotz allem - trotz meines Anrufs bei Treble und der Gewissheit, dass an diesem Abend alles zwischen uns für immer zu Ende gehen wird - versinke ich in rührseligen romantischen Gedanken.

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