LeseTipp: Albert SÁNCHEZ PIÑOL, Im Rausch der Stille.

Antarktis/Inseln/Roman/

 Albert SÁNCHEZ PIÑOL: Im Rausch der Stille. Albert SÁNCHEZ PIÑOL: Im Rausch der Stille.   Neu 
(La pell freda., 2002)
251 S., ISBN: 3-10-061602-2
Frankfurt: S. Fischer, 2005

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Flucht auf die Insel.
Ein irischer Freiheitskämpfer findet nach dem Sieg über England seine Erwartungen betrogen - "Unsere Führer regierten mit einem Despotismus, der dem der Engländer ebenbürtig war" - und entschließt sich, eine Stelle als Wetterbeobachter auf einer einsamen, abgelegenen Insel im Südatlantik, 600 Seemeilen von den Bouvet-Inseln entfernt.
Neben dem Haus des Wetterbeobachters gibt es auf der Insel noch einen Leuchtturm, Relikt einer geplanten Umwandlung der Insel in eine Gefängnisinsel, der allerdings nie umgesetzt wurde. Der dort lebende Leuchtturmwärter Batís Caffó ist in der Wirklichkeit der Vorgänger des Wetterbeobachters.
In der ersten Nacht auf der Insel wird der Wetterbeobachter völlig überraschend von amphibischen Mischwesen, halb Lurch, halb Gazelle, angegriffen, die aus dem Meer aufsteigen. Er kann diesen und den Angriff der folgenden Nacht gerade noch überstehen. Dann nimmt ihn der Leuchtturmwärter im Leuchtturm auf, der zu einer Festung ausgebaut ist und den sie nun gemeinsam Nacht für Nacht gegen die Angriffe verteidigen. Zwischen den beiden Männern entsteht ein Zweckbündnis, aber keine Beziehung, da sie eigentlich keinen Kontakt zueinander finden.
Batís Caffó hält sich ein weibliches Froschmädchen, wie er sie nennt, als Maskotchen und zur Befriedigung seiner Lust, da es anatomisch eine Frau ist. Auch der Wetterbeobachter kann ihr nicht auf Dauer wiederstehen, aber eine Beziehung entsteht nicht. Er versucht allerdings, die Froschwesen differenzierte zu sehen. Nicht nur als Ungeheuer, sondern als Wesen, die eigentlich nur ihr Territorium gegen Eindringlinge verteidigen wollen.
Fazit: Es ist eigentlich ein phantastischer Roman, der die Frage des Menschseins und der menschlichen Moral angesichts einer unfassbaren Bedrohung verhandelt. Ein wenig erinnert er an den Roman Solaris von Stanislaw LEM, wo eine Gruppe von Menschen einem unbegreifbaren Wesen, in diesem Fall ein Ozean, gegenübersteht. Und er beleuchtet auch das Innenverhältnis der beiden Menschen, die zwar angesichts der Bedrohung zusammenrücken, aber keine gemeinsame Ebene finden können - oder wollen. Fesselnd trotz des abstrakten Themas.

Das ganze Grauen der Welt konzentrierte sich in dieser zitternden Tür. Ich war in einem Zustand jenseits der Erschöpfung, jenseits des Wahnsinns - aber noch nicht jenseits der Resignation, auch nicht jenseits der Gleichgültigkeit, und deshalb konnte ich mein Schicksal nicht einfach so hinnehmen. Die Stimmen der Ungeheuer hörte ich nicht. Nur den heftigen Regen und die Schläge, die Schläge, die sich gegenseitig übertönten. Ich wimmerte unter leisen Tränen, und zur gleichen Zeit, da ich weinte, wusste ich, während ich mir in die Faust biss, dass keine Vorsehung mich je von der Insel wegholen würde. Die Tür gab nach. Sie zitterte wie ein Lorbeerblatt im Kochtopf, gleich würde sie aus ihrem Rahmen brechen. Wie gelähmt, hypnotisiert, konnte ich den Blick nicht von der Tür wenden. Und genau in diesem Moment äußerster Not geschah ein Wunder, allerdings ganz anderer Art.

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