LeseTipp: Cay RADEMACHER, Der Schieber.

Hamburg / Krimi

 Cay RADEMACHER: Der Schieber. Cay RADEMACHER: Der Schieber.   Neu 
348 S., ISBN: 978-3-8321-9687-5
Stave-Trilogie 2
Köln: DuMont Buchverlag, 2012

Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Hamburg 1947.
Ein heißer Sommer. Die Aufräumarbeiten nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs kommen nur langsam voran, die Straßen sind immer noch voller Trümmer. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser funktioniert nur schleppend. Der Schwarzmarkt blüht.
Dann wird in einer Halle der Werft Blohm & Voss ein etwa 14-jähriger Junge auf einem Blindgänger gefunden - ermordet. Und in einer Stadt, in der es tausende Kinder ohne Eltern und Verwandte gibt, die sich irgendwie durchschlagen müssen, ist es nicht einfach, dessen Identität festzustellen. Doch schließlich gibt es eine Vermisstenanzeige, und der Tote hat einen Namen. Oberinspektor Frank Stave ermittelt im Umfeld der Schwarzmarkthändler und Schieber, in dem sich der Junge bewegte. Und da gibt es noch die sogenannten "Wolfskinder", Flüchtlingskinder aus dem Osten, deren Eltern und andere Verwandte auf der Flucht umgekommen sind. Sie haben sich zu Banden aus Kohlenklauer, Protituierten und Schmugglern zusammengetan. Zwei Kinder, die mit dem Toten bekannt waren, werden ebenfalls ermordet, aber Stave bekommt die Fälle nicht, obwohl er einen Zusammenhang sieht.
Cay Rademacheer gelingt es, ein sehr realistisches Bild des Alltags nach dem Krieg zu vermitteln. Der Krieg ist vorbei, aber mit dem Frieden ist keineswegs eine "normale" Welt zurückgekehrt. Denn die Deutschen sind die Verlierer, und für viele sind die Engländer nur die Besatzungsmacht, keine Befreier. Mit Hitler und Nazideutschland haben sie nicht abgeschlossen.
Fazit: Die Stärke des Romans ist nicht der Kriminalfall, der nur wenig Spannung erzeugt und zu viele unwahrscheinliche Wendungen und zu vereinfachte Abfolgen hat. Viel interessanter ist das Bild des Umfelds, Hamburg nach dem Krieg. Leider verliert sich Cay Rademacher zu sehr in der Schieber- und Schmugglerwelt und thematisiert etwa das Schicksal der "Wolfskinder" nur oberflächlich. Der zweite Band der Trilogie ist mehr Zeitgeschichte als Krimi!

Er macht sich auf zur Schrebergartensiedlung in Berne. Mal sehen, wo Karl jetzt lebt. Er braucht eine Dreiviertelstunde dorthin. Manchmal nimmt er Abkürzungen, quert Trümmerfelder, die früher Mietshäuser waren, klettert über Schuttberge. Das Rascheln schneller Rattenfüße, wenn er näherkommt. Spatzen und Amseln. Hohes Gras, Büsche, ein, zwei junge Birken, die aus den Ruinen emporwachsen. Ein mehrstöckiges Gebäude, dessen Fassade fortgerissen worden ist, das Dach ist weggesprengt, die Fenster sind zersplittert. Die einzelnen Etagen hängen in den noch stehenden Seitenmauern wie die Böden eines gigantischen Regals, auf denen Riesenspielzeug steht: eine von Regen und Frost gezeichnete Kommode, unerreichbar für Plünderer, eine weiß glänzende Toilette, die so freistehend irgendwie obszön aussieht, ein schief hängendes Ölbild an einer Wand.

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