LeseTipp: Ævar Örn JÓSEPSSON, In einer kalten Winternacht.

Reykjavík / Krimi

 Ævar Örn JÓSEPSSON: In einer kalten Winternacht. Ævar Örn JÓSEPSSON: In einer kalten Winternacht.   Neu 
(Önnur líf., 2010)
478 S., ISBN: 978-3-442-74174-8
München: btb Verlag, 2015

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Die Krise geht weiter.
Nach der Finanzkrise in Island und dem Zusammenbruch der Banken kommt es zu Demonstrationen vor dem Parlament. Die Menschen fordern den Rücktritt der Regierung und eine Bestrafung der Schuldigen. Die Studentin Erla, eine Freundin der Kommissarin Katrin, ist an vorderster Front mit dabei. Auf dem Heimweg von einer Demonstration wird sie von drei Männern vergewaltigt. Sie beschuldigt ihren Exfreund Darri und seine Kumpane, aber es gibt keinen stichhaltigen Beweis dafür. Darris Vater ist Parlamentsabgeordneter, was die Untersuchung nicht vereinfacht.
Die drei Verdächtigen werden freigesprochen. Ein Jahr später wird Erla bei einer Messerattacke schwer verletzt und liegt im Koma. Zuletzt wurde sie im Auto von Darri gesehen, ist allerdings an einer Tankstelle ausgestiegen. Natürlich sind drei Drei die Hauptverdächtigen, aber es lässt sich wieder nichts beweisen. Eine schwierige Situation für Katrin, denn sie bekommt kaum Unterstützung. Stefán, ihr bisheriger Chef, ist psychisch angeschlagen und hat eine Auszeit genommen. Árni, mit dem sie gut zusammenarbeiten konnte, ist auf Vaterschaftsurlaub. Für den interimistischen Chef hat der Fall keine Priorität, und sie bekommt nur Guðni als Unterstützung, einen unverbesserlichen Macho.
Als schließlich Stefán und Árni zurückkommen, nimmt die Untersuchung an Fahrt auf. Aber die Verdächtigen müssen aus der U-Haft entlassen werden. Guðni selbst hat eine großes Problem. Seine Tochter Helena wurde von zwei Schlägern schwer verletzt, vermutlich Geldeintreiber von einem Drogenhändler. Sie hatte immer wieder größere Beträge von Guðni geborgt. Guðni will Rache und fährt zu dem Drogenhändler.
Fazit: Der Kriminalfall ist eigentlich nur die Hintergrundfolie, denn primär geht es Ævar Örn Jósepsson um die Finanzkrise Islands, ihre Folgen und Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Zwar gelingt es den Demonstranten, die Regierung zu stürzen und Neuwahlen zu erzwingen, aber eigentlich ändert das nicht viel. Die Verursacher bleiben ungeschoren, und der im Ausland oft gelobte Umgang Islands mit der Finanzkrise blieb sehr oberflächlich und brachten den Betroffenen nichts, kostete die Gewinner aber auch nichts. Auch in dieser recht kleinen und überschaubaren Gesellschaft wirken dieselben Macht- und Geldmechanismen wie in den großen, bleiben die Reichen unangetastet, auch wenn man sie persönlich kennt. Nein, auch Island ist kein besserer Staat, und das Buch von Ævar Örn Jósepsson ist sehr pessemistisch, ja resignativ. Besser wird's nicht.

Hatte dieses Trio sie an den vorangegangenen Abenden beobachtet, hatten sie die drei Mädchen beobachtet, die den wilden Tanz aufführten, ohne zu wissen, wer sich hinter der Vermummung verbarg? Hatten sie sich vielleicht wahllos einfach eine von ihnen herausgegriffen, als die Mädchen zusammen den Platz verließen, und waren ihnen gefolgt, bis sich die Wege trennten? Und dann Eckspeckdreck: War die Wahl unglücklicherweise auf Erla gefallen, hatte sie einfach nur Pech gehabt? Kannten sich die Täter dort aus, war die Vesturgata womöglich besser für einen derartigen Überfall geeignet als die benachbarten Straßen Gardastraeti oder Ránargata?

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