LeseTipp: André MALRAUX, Der Königsweg.

Kambodscha/Indochina/Roman/

 André MALRAUX: Der Königsweg. André MALRAUX: Der Königsweg.
(La voie royale., 1930)
189 S., ISBN: 3-421-06243-9
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt DVA, 1986

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Abenteuer im kolonialen Indochina.
Claude Vannec, ein französischer Sinologe, will entlang des Königswegs bisher unentdeckte Tempel erforschen und Basreliefs mitnehmen. Der Königweg ist die Straße, die in alten Zeiten Angkor mit den Seen des Menambeckens verband und wieder weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Er hat sich einen Auftrag der französischen Kolonialverwaltung besorgt. Aber unklar bleibt, ob er die Basreliefs einem Museum übergeben oder einfach verkaufen will.
Als er auf dem Schiff nach Kambodscha den Desperado Perken kennenlernt und dieser sich ihm anschließen wird, geht es nur noch um den Verkauf. Denn Perken braucht Geld, um Waffen kaufen zu können. Waffen, mit denen er bisher nicht unterworfene Stämme in Laos - seine Stämme - gegen die Ausbreitung der Kolonialmacht, verkörpert durch den Bau der Eisenbahn, verteidigen will. Oder auch nur beherrschen will.
Schließlich finden sie auf dem Königsweg einen bis unentdeckten Tempel und können eine schöne Statue mitnehmen. Doch dann verschwinden die von der Kolonialregierung rekrutierten Begleiter und Fahrer der Ochsengespanne, und sie müssen sich zu dritt weiter durchschlagen. Sie kommen in ein Dorf der Mois, einem nicht unterworfenen Stamm. Mit Mühe können sie sich freikaufen, doch Perken erleidet dabei eine zunächst eher kleine Verletzung. Aber als sie schließlich einen Ort im verwalteten Gebiet erreichen, erfährt Perken vom Arzt, daß man hier sein Leben nicht wird retten können.
Vom Tod gezeichnet bricht Perken dennoch zu seinen Stämmen auf, begleitet von Claude, im Wettlauf mit einer französischen Strafexpedition und dem Bau der Eisenbahn.
Fazit: André Malraux (1901-1976), in den 1950er-Jahren Kulturminister in Regierungen von Charles de Gaulle, legt hier einen spannenden Roman aus dem Französisch-Indochina der 1930er-Jahre vor. Das Land war zwar erobert, aber die Kolonialmacht war noch nicht in alle Teile vorgedrungen. Und das Gebiet des ehemaligen Angkor war noch wenig erforscht, zahlreiche Tempel warteten noch auf ihre Wieder-"Entdeckung".
Aber was auf den ersten Blick wie ein Abenteuerroman wirkt - spannend erzählt mit plastischen Schilderungen der Gefahren der Zeit -, ist auf den zweiten Blick eine tiefergehenden Auseinandersetzung mit Freundschaft, Leben und Tod. Claude und Perken wollen nicht sterben, aber sie fürchten den Tod auch nicht. Sie sehen ihn als eine Stufe der Auflösung der Existenz. Claude erlebt Perkens Tod in dem Bewußtsein, daß nichts das Ende einer menschlichen Existenz rechtfertigen kann. Dem Ausgeliefertsein an ein anonymes Schicksal steht der verzweifelte Wille der eignenen Existenz entgegen.

Seit vier Tagen das Kampieren bei Dörfern, die aus dem Wald geboren waren wie ihre hölzernen Buddhas, wie das Palmstroh der Hütten, welche aus dem zerweichten Boden aufragten gleich riesigen Insekten. Zerfall des Bewußtseins in einem Licht, das dem trüben Wasser eines Aquariums glich. Sie hatten schon einige kleine, in Trümmern liegende Monumente gefunden, deren Steine so von Wurzeln umkrallt waren, die sie wie mit Tatzen an den Boden preßten, daß es schien, als seien sie nicht von Menschen errichtet worden, sondern von entschwundenen Wesen, die diesem horizontlosen Meeresdunkel entstammten. Durch die Jahrhunderte zersetzt, verriet der Königsweg sein Vorhandensein nur durch diese vermodernden Steinmassen, aus denen die Augen irgendeiner unbeweglich in einem Winkel hockenden Kröte hervorglotzten.

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