LeseTipp: Uwe TIMM, Vogelweide.

Hamburg/Roman/

 Uwe TIMM: Vogelweide. Uwe TIMM: Vogelweide.
334 S, ISBN: 978-3-462-04571-0
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Verlust kann auch Gewinn sein.
Eschenbach ist Mitbesitzer einer erfolgreichen Softwarefirma. Gut situiert bewohnt er ein Loft in der Nähe des Berliner Zoos und hört am Morgen manchmal die Löwen brüllen. Seine Lebenspartnerin ist Selma, eine polnische Schmuckdesignerin, die Schmuck im Stil der Hopi-Indianer herstellt.
Bei einer Veranstaltung trifft Eschenbach zufällig auf Anna, und diese Begegnung wird sein Leben verändern. Vielleicht ist sie die Liebe seines Lebens, aber auf jeden Fall wird er von Leidenschfat nach ihr verzehrt. Anna ist mit Ewald verheiratet und hat zwei Kinder. Zunächst treffen sie sich paarweise, Ewald und Eschenbach werden fast Freunde. Schließlich gibt Anna dem Werben Eschenbachs nach, und es entsteht eine leidenschaftliche Beziehung. Doch für Anna ist die Ehe etwas endgültiges, sie kann auf Dauer die Heimlichkeiten gegenüber Ewald nicht verkraften und flieht mit ihren Kindern vor der Ehe und vor Eschenbach nach Amerika zu ihrem Bruder.
Zeitgleich geht Eschenbachs Firma in Konkurs. Der eine Partner hat sich zurückgezogen, und den anderen, den er nicht leiden kann, hat er ausgekauft. Aber der nimmt ihm auch einen Großkunden weg, und Ewald kann ihn nicht auszahlen. Er verliert praktisch alles: sein Loft, Möbel, Bilder und sein geliebtes Auto, einen Oldtimer. Sein Leben ändert sich völlig, auch Selma verlässt ihn. Eschenbach redigiert nun Bücher für einen Reisebuchverlag und hat Zeit, über sich und sein Leben nachzudenken.
Dann wird ihm eine Stelle als Vogelwart auf einer kleinen Insel bei Neuwerk in der Elbmündung angeboten. Die Insel darf nur mit eigener Genehmigung betreten werden, sie ist Vogelschutzgebiet, und Eschenbach zählt Vögel und beobachtet Meer und Wind. Sein Eremitendasein wird gestört, als sich Anna nach sechs Jahren für einen Besuch anmeldet.
Fazit: In Rückblenden zieht Eschenbachs Lebensgeschichte vorbei, während er sich auf den Besuch vorbereitet. In einer einfachen, punktgenauen Sprache malt Uwe Timm das Innenleben seines Protagonisten und spiegelt die anderen - Anna, Selma, Ewald, Eschenbachs Tochter - in der Reflexion. Ein starkes Buch über Leben, Liebe, Schicksal und Partnerwahl - und wie leicht eine zufällige Begegnung die Lebensläufe von sechs Menschen zerstören kann.

Anna war, um zu rauchen, hinausgegangen. ... Vor der Tür standen sie sich gegenüber, sie hatte die linke Hand unter die Achsel geschoben, rauchte mit beiläufigen Bewegungen, nichts Gieriges, nicht Geziertes war daran. Und Eschenbach stand da und hatte, so wie sie ihn ansah, mit dem ruhigen, auf ihn gerichteten Blick, und wie sie ihm zuhörte, den merkwürdigen Gedanken, nein, es war nur ein Wort: Rettung. Sie könnte dich retten. Wovor? Vor allem. Vor Gleichgültigkeit. Vor Bedeutungslosigkeit. Beliebigkeit.

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