LeseTipp: Jo NESBØ, Der Erlöser.

Harry Hole/Norwegen/Krimi/

 Jo NESBØ: Der Erlöser. Jo NESBØ: Der Erlöser.
(Frelseren., 2005)
507 S, ISBN: 978-3-550-08686-1
Harry Hole 6
Berlin: Ullstein, 2007

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Auch bei der Heilsarmee gibt es dunkle Schafe.
Adventzeit in Oslo. Kälte, Schnee, gestresste Menschen, die ihre Weihnachtseinkäufe erledigen wollen. Harry Hole beschäftigt sich mit einem Fall, der eigentlich keiner ist. Ein junger Drogensüchtiger wurde in einem Container am Hafen tot aufgefunden - offensichtlich Selbstmord. Nichts, was die Polizei weiter interessiert. Und doch glaubt Harry Spuren zu erkennen, die ihn mißtrauisch machen. Sein neuer Chef, Gunnar Hagen, ist davon wenig angetan. Wie er überhaupt seine Probleme mit dem widerspenstigen Hauptkommissar hat. Denn er kommt vom Militär, und Disziplin und Ordnung sind seine zentralen Credos - ungefähr das Gegenteil von Harry Hole. Sein bisheriger Chef Bjarne Møller, der immer schützend seine Hand über Harry gehalten hat, ist in den Vorruhestand getreten und nach Bergen gezogen.
Doch dann geschieht in all der Vorweihnachtshektik tatsächlich ein Mord. Ein junges Mitglied der Heilsarmee, Robert, wird bei einer Veranstaltung auf offener Straße erschossen. Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, daß er ein eher dunkles Schaf in der Heilsarmee war. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Jon, der Offizier ist und vor einem Karrieresprung steht. Und bald zeigt sich, das Jon das eigentliche Opfer sein sollte und nur durch einen Diensttausch nicht bei der Veranstaltung war. Die beiden Brüder sahen einander sehr ähnlich.
Auch der Attentäter gibt nicht auf, als er den Irrtum bemerkt. Denn das sollte sein letzter Auftrag sein. Mit dem Geld wollte er sich zurückziehen. Er ist Bosnier, und in Rückblenden auf den serbisch-bosnischen Krieg wird sein bedrückender Lebensverlauf beleuchtet. Und dies ist sein erstes mißlungenes Attentat. Er steht stark unter Druck, weil ihn die Polizei immer mehr einkreist, schließlich sogar seinen Namen weiß, und er ohne Mittel dasteht. Sein einziger Vorteil ist, daß er sein Gesicht ohne Hilfsmittel so verändern kann, daß man ihn praktisch nicht wiedererkennt. Selbst die Gesichtserkennungsspezialistin Beate scheitert.
Jo Nesbø legt den 6. Roman um den Hauptkommissar Harry Hole etwas anders an. Kein möglicher oder tatsächlicher Serienmörder treibt hier sein Unwesen, sondern ein Profikiller, der auch bald bekannt ist. Der Wechsel der Perspektiven - Polizei, Harry, Attentäter - gibt der Geschichte Tiefe und Spannung. Das Verhältnis zwischen den Problemen Holes und dem Fortgang der Erzählung ist gut austariert. Interessant und fremd - zumindest für einen Westeuropäer - sind die Einblicke in die Struktur und Organisation der Heilsarmee, die ja hierzulande kaum in Erscheinung tritt. Es ist eine weitgehend geschlossene Gesellschaft, deren Mitglieder untereinander heiraten und auch die Urlaube gemeinsam verbringen. Streng hierarchisch und militärisch organisiert.
Fazit: Jo Nesbø etwickelt sich immer mehr zum Meister im Aufbau spannender und tief geschachtelter Geschichten. Jedes der Bücher der Serie hat einen eigenen Schwerpunkt. Diesmal ist es die Funktionsweise einer geschlossenen Gesellschaft mit hohen moralischen Anforderunmgen, die nicht immer so erfüllbar zu sein scheinen und erfüllt werden. Und Harry Hole macht süchtig!

Als der Verwaltungschef zu Beginn der Sitzung erläuterte, dass der Umsatz der norwegischen Heilsarmee knapp unter einer Milliarde Kronen lag, wovon ein beträchtlicher Teil aus den Mieten der 230 Immobilien stammte, über die sie im ganzen Land verfügten, saß sie in einer Art Trance da und versuchte, diesen jungen Mann nicht pausenlos anzustarren, seine Haare, seine ruhig auf dem Tisch liegenden Hände. Seine Schultern, die die schwarze Uniform noch nicht ausfüllten. Eine Uniform, mit der Ragnhild von Kind an alte Männer und Frauen verband, die lächelnd mehrstimmige Lieder sangen, obwohl sie nicht an ein Leben vor dem Tod glaubten. Sie hatte wohl gedacht - ohne wirklich gedacht zu haben -, dass die Heilsarmee eine Zufluchtsstätte für all jene war, die sonst nirgendwo hindurften: die Einfältigen, die sozial Isolierten und die weniger Klugen. Jene Menschen, mit denen niemand spielen wollte, die aber dennoch kapiert hatten, dass die Armee eine Gemeinschaft darstellte, deren Anforderungen sogar sie erfüllen konnten: Sie mussten einfach nur die zweite Stimme singen.

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